Zeit der Gewalt beginnt mit zerstörter Uhr

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z 1. Juli 2015
Serie RD1.7.15
Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So steht in bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Demnig. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie der Landeszeitung „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute steht Gersch Rusche im Mittelpunkt.
Der Uhrmacher Gersch Rusche stammte aus Wologda in Russland. Der Erste Weltkrieg verschlug den Juden, der am 29. Juni 1895 geboren wurde, als russischen Kriegsgefangenen nach Schleswig-Holstein. Im Uhrengeschäft Flybu in Rendsburg fand der Fachmann eine Stelle als Uhrmacher. Flybu war der Markenname der Uhren, die hier angeboten wurden. Seine Arbeitgeberin und auch Vermieterin war die verwitwete Louise Bartelmann, Inhaberin des Geschäfts und Hausbesitzerin. Louise Bartelmann machte den fröhlichen, sympathischen Gersch Rusche, der für sie wie eine Art Sohn war, zum Geschäftsführer. Was sie nicht ahnen konnte: Damit galt das Geschäft nach Nazigesetzen als „jüdisch“ und war Ziel von Angriffen im November 1938.
„Was genau im Verlauf des Novemberpogroms mit dem Geschäft geschah, ob Nazis in den Laden eindrangen, wissen wir bislang nicht“, sagt Dr. Frauke Dettmer. Die Kulturwissenschaftlerin hat die Geschichte der Juden in Rendsburg erforscht und auch den Lebensweg des Uhrmachers detailliert rekonstruiert. „Da es weder eine Entschädigungsakte für Gersch Rusche, noch für Louise Bartelmann gibt, sind wir hier auf Zeitzeugen angewiesen.“ Bekannt sei bisher nur, dass die große, gut sichtbare Uhr am 10. oder 11. November zerschlagen wurde. „Sie war bis dahin für die Schüler der Altstadtschule, die keine Uhr besaßen, die zeitliche Orientierung gewesen.“
Zum 31. Dezember 1938 musste das Geschäft an dem heutigen Schiffbrückenplatz schließen und wurde danach „liquidiert“. Gersch Rusche wurde nach der Pogromnacht, vielleicht auch erst einige Wochen später, verhaftet. „So legen es die Unterlagen in der Häftlingskartei des damaligen Lagers Buchenwald nahe“, weiß Frauke Dettmer. Dass der Verfolgte nicht sofort noch im November 1938 in ein Konzentrationslager verschleppt wurde, lag vermutlich an seiner russischen Herkunft. Offensichtlich dauerte es eine Zeit, bis geklärt war, dass er als ehemals russischer Staatsangehöriger nun als staatenlos galt und damit, anders als etwa Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit, zu dem Kreis der potenziellen Häftlinge im Zuge der Pogrome gehörte. So wurde er erst am 19. Januar 1939 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und von dort am 26. Januar nach Buchenwald gebracht.
Im Konzentrationslager wurde Rusche zunächst als „Ausweisungshäftling“ geführt. Diese Häftlinge sollten durch die Qualen der KZ-Haft zum baldigen Verlassen des Landes gezwungen werden. Zwei Mal wandte sich Rusche 1939 aus dem KZ Buchenwald an den Jüdischen Hilfsverein in Hamburg, mit der Bitte um Hilfe bei der Auswanderung – ohne Erfolg. Die jüdischen Organisationen wurden nach der „Reichskristallnacht“ von den verzweifelten Menschen regelrecht überrannt. Die gewalttätigen öffentlichen Ausschreitungen in den Novembertagen hatten überaus deutlich gemacht, dass Juden in Deutschland keine Zukunft hatten. Auf der anderen Seite forcierte zwar der NS-Staat zu dieser Zeit die Ausreise von Juden, machte diese aber zugleich so schwer wie möglich, um sich durch zahlreiche Abgaben wie Reichsfluchtsteuer am Hab und Gut der Flüchtlinge so umfassend wie möglich zu bereichern.
Das KZ Buchenwald bei Weimar war Sammelbecken sämtlicher gesellschaftlicher Gruppen, die durch die Nazis verfolgt wurden. Neben politischen Gefangenen gehörten zu den Häftlingen auch Zeugen Jehovas (Bibelforscher), „Rasseschänder“, „Arbeitsscheue und Berufsverbrecher“, Homosexuelle, behinderte Menschen, Sinti und Roma, Juden und später auch Kriegsgefangene. Die Juden und die sowjetischen Kriegsgefangenen gehörten in der Lagerhierarchie zu der untersten Kategorie, sie waren bevorzugtes Ziel des Terrors durch die SS und wurden zu schwersten Arbeiten gezwungen.
Gersch Rusche war Mitglied einer Trägerkolonne. „Wahrscheinlich gehörte er damit zu den Gefangenen, die aus dem etwa 1000 Meter entfernten Steinbruch Steine für den Straßenbau und Bauarbeiten im Lager heranschleppen mussten“, vermutet Frauke Dettmer, „zehn bis elf Stunden, bei einer kurzen Mittagspause. Nur der Sonntag war weitgehend arbeitsfrei.“
Im September 1942 wurde der Häftling zurück nach Sachsenhausen gebracht. Hier gab es den Status des Ausweisungshäftlings nicht mehr – das Ziel der Vertreibung der Juden aus Deutschland war dem Plan der „Endlösung“ gewichen, im Oktober 1941 war die Auswanderung für Juden verboten worden. Gersch Rusche überlebte den „Ort des Grauens“ nur noch neun Monate: Am 23. Mai 1943 wurde der Uhrmacher in Sachsenhausen ermordet.
Helma Piper