„Wunderdoktor“ mit starker Anziehungskraft

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z 5. März 2015
Serie RD 5.3.2015
Die Steine sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen und einige Daten in die Messing-Oberfläche. So wird in bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in den Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren die Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor.
Rendsburg
Der Ruf des „Wunderdoktors“ ging weit über seine Heimatstadt hinaus: Henry Hermann Meyer, der sich später Henry Gerald nannte, machte in den 20-er Jahren eine steile Karriere als Heilpraktiker. Der Sohn einer jüdischen Rendsburger Familie zog die Massen an. Menschen, die jahrelang unter Schmerzen gelitten hatten, wurden innerhalb kürzester Zeit wieder gesund. Zu dem Mann mit den wundersamen Heilkräften pilgerten die Patienten aus Hamburg, dem Rheinland und sogar aus Schweden und Nordamerika – „und zwar fast nur solche Kranken, die ihr Heil meistens bei Ärzten vergeblich gesucht hatten“, schrieb der Praxis-Inhaber in einer Werbebroschüre.
Henry Meyer wurde am 12. Juni 1899 in Rendsburg geboren. Er war das jüngste Kind des Ehepaars Hermann und Rosa Meyer. Seit Mai 1916 diente Henry Meyer als Soldat. Nach dem Krieg befasste er sich mit Psychologie, erlernte die Grundlagen der Homöopathie und startete seine Laufbahn als Künstler in einem Wander-Varieté. Der Heilkundige mit dem schauspielerischen Talent reiste von Stadt zu Stadt und trat als Kunstpfeifer, Jongleur, Imitator, Illusionist sowie als indischer Fakir auf und ließ sich von zwölf Degen durchbohren. Die Erfolge waren offenbar überragend. „Es ist jedenfalls das Gewaltigste, was je geboten wurde“, schwärmte der Kritiker des „Hamburger Fremdenblatts“.
Der Bühnenstar konzentrierte seine Talente dann zunehmend auf den Bereich der Heilkunst. Seit 1926 therapierte Henry Gerald in Rendsburg in der Neuen Straße 6 Leiden wie Schlaflosigkeit, Nervosität, Rheuma, Ischias, Herzneurosen, nervöse Magen- und Darmkrankheiten, Kopfschmerzen oder Asthma. In diesem Jahr heiratete er auch Christine Eggers, die Tochter des Klavierfabrikanten Bernhard A. Eggers. Kurz vorher hatte er sich taufen lassen.
Henry Gerald führte eine ausgedehnte Praxis, wobei ihm seine „ungewöhnlich große Lebens- und Arbeitskraft“, die sich unter anderem in der Stärke seiner „magnetischen Heilkräfte“ ausdrückte, zugute kam. Assistenten halfen Henry Gerald bei den Sprechstunden, ein Chauffeur fuhr ihn zu den Terminen außerhalb Rendsburgs. Denn er betrieb mittlerweile auch „Psychologische Institute“ in Itzehoe, Schleswig, Husum, Heide und in Hamburg. Seine Methode bestand aus der Kombination von Magnetismus, Hypnose und Naturheilkunde. Über den Heilmagnetismus klärte er in einem Prospekt auf: „Es gibt gewisse Menschen, die in ihrem Körper mehr Magnetismus erzeugen, als sie selbst zu ihrer Körperfunktion gebrauchen. Diese Menschen sind imstande, von ihrem Überfluss heilend an andere abzugeben. Diese Übertragung findet entweder durch Bestreichen des Körpers oder durch Handauflegen auf die erkrankten Stellen statt.“ In der Broschüre hatte er auch Berichte geheilter Patienten abgedruckt. Die Danksagungen beschreiben wahre Wunder. „Seit Jahren humpelte ich voller Schmerzen, nur am Stock meiner Wege,“ schrieb zum Beispiel ein Büdelsdorfer. „Mein linkes Bein war überhaupt nicht mehr zu gebrauchen. Und heute – nach fünfwöchiger Behandlung bei Herrn Henry Gerald bin ich ein neuer Mensch geworden und brauche keinen Stock mehr.“
Von seinen Einnahmen konnte sich der erfolgreiche Heilpraktiker die repräsentative Villa Piening an der Ecke Königstraße/Wrangelstraße kaufen. In diesem Haus wurden Patienten auch stationär aufgenommen. Bekannt war auch, dass er mittellose Patienten kostenlos behandelte. Henry Gerald war auf seine Weise ebenso erfolgreich wie sein Kollege Dr. med. Ernst Bamberger.
1933 verlor Henry Gerald als „Volljude“ zahlreiche Patienten. Man drangsalierte den prominenten Mann mit Schutzhaft und Nazi-Wachen vor dem Haus und mit tätlichen Angriffen durch die SA. Seine Situation in der Kleinstadt wurde immer schwieriger und gefährlicher. Im Sommer 1935 zog er nach Hamburg und eröffnete dort eine Praxis, nachdem das Haus und ein Teil der Einrichtung unter Wert verkauft worden waren. Noch hatte er genügend Patienten.
Am 14. September 1935 wurde Gerald von der Gestapo verhaftet. Als 1938 eine weitere Verhaftung drohte, floh er „bei Nacht und Nebel“ ohne Gepäck nach Dänemark, so schrieb Henry Gerald in seinem Entschädigungsantrag, ohne ein genaueres Datum anzugeben. Wahrscheinlich wurde der Rendsburger im Zuge des Pogroms tatsächlich in Hamburg verhaftet und zwei Tage im Konzentrationslager Fuhlsbüttel festgehalten. Sein Name erscheint auf einer entsprechenden Liste. Bei der Flucht half ihm ein Freund aus Rendsburg, sein ehemaliger Fahrer sowie Verwandte seiner Frau aus Nortorf.
Seine Frau folgte ihm etwas später, nachdem sie ihre gemeinsame „Hamburger Existenz“ aufgelöst hatte. In Dänemark gelang es Henry Gerald, die nötigen Ausreisepapiere und Schiffspassagen zu bekommen. Am 6. April 1939 erreichte das Ehepaar von Kopenhagen aus den Hafen von New York.
Auch in seinem neuen Wohnort in North Carolina setzte der Hypnotiseur nach schwierigen Anfangsjahren seine Karriere mit psychologischen Vorträgen als „Entertainer“ und Mann mit magischen Kräften fort. Im Alter von knapp 90 Jahren starb Henry Melvin Gerald, wie er sich in den USA nannte. Christine Gerald überlebte ihn um mehr als zehn Jahre. Sie starb im Alter von 104 Jahren in North Carolina. Zum Tod ihres Mannes hatte die Witwe auch in der „Rendsburger Tagespost“ eine Anzeige veröffentlicht und bekannt gegeben, dass Dr. Henry Gerald verstorben war – nach einem „erfüllten Leben“.
Helma Piper