Wie die Briten KZ-Kommandant Rudolf Höß aufspürten

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz im Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Professor Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde.

Kriegsende 21.5.

Das Dorf Gottrupel liegt etwa zwölf Kilometer westlich von Flensburg. Es ist Mittagszeit. Wenige Menschen sind auf der Straße oder in den Gärten. Wir fragen nach dem ehemaligen Hof von Bauer Peter Hansen. Kopfschütteln. „Der Hof, in dem einst Rudolf Höß untergetaucht sein soll“, ergänzen wir. „Ach der. Das ist das Haus dort hinten“, antwortet der Passant. „Geschichten wie die von Höß bleiben im kollektiven Gedächtnis“, sagt Professor Gerhard Paul.
Der Kriegsverbrecher stand ganz oben auf der Fahndungsliste des militärischen Geheimdienstes der britischen Armee, den Field Security Sections (FFS), die am 13. Mai 1945 die ersten Verhaftungen in Flensburg vornahmen. Rasch schnellten die Festnahmen auf mehrere tausend Personen. Höß, SS-Obersturmbannführer und KZ-Kommandant von Auschwitz, war nicht darunter. „Die Briten setzten ein Fahndungsteam an, das von Hanns Alexander geleitet wurde, einem Berliner Juden, den die Eltern noch rechtzeitig vor den Nazis in Sicherheit und nach England bringen konnten. Dort meldete sich der inzwischen erwachsene Emigrant nach dem D-Day am 6. Juni 1944 freiwillig zur britischen Armee“, schildert Paul, während er den Hof in Gottrupel zu identifizieren versucht. Er wird inzwischen nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und wurde in Wohnungen umgebaut.
Da Alexander perfekt Deutsch sprach – es war schließlich seine Muttersprache, recherchierte er sorgfältig im Umfeld von Höß und dessen Ehefrau. Im Frühherbst 1945 bekam die FSS Brunsbüttel einen Hinweis, dass die Frau in der Zuckerfabrik in St. Michaelisdonn arbeitete. Bei ihrer Vernehmung sagte sie, nichts über den Verbleib ihres Ehemanns zu wissen, doch stießen die britischen Fahnder während der Durchsuchung ihrer Habseligkeiten auf eine Postkarte ihres in Flensburg lebenden Bruders. War er der abgetauchte Ehemann? Die FFS Flensburg schlug zu, doch der Festgenommene war tatsächlich der Bruder und wurde wieder freigelassen. Alexander fahndete jedoch weiter – und war im März 1946, fast ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, am Ziel.
„Wie Höß schließlich entdeckt wurde, bleibt widersprüchlich“, sagt Paul. Eine Quelle besage, dass der ehemalige Auschwitz-Kommandant „durch Zufall“ auf dem Hof in Gottrupel aufgespürt und der britischen Militärpolizei übergeben worden sei. „Eine andere Quelle kommt zu dem Ergebnis, dass Höß‘ Ehefrau unter Androhung, ihren Sohn nach Sibirien zu deportieren, in britischem Gewahrsam Decknamen und Aufenthaltsort ihres Mannes an Alexander preisgegeben hat“, schildert der Historiker. Für Paul bleibt es erstaunlich, wie weitgehend rechtsstaatlich und korrekt die Briten bei der Verhaftung der gesuchten SS-Männer vorgegangen seien. Doch ausgerechnet der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, in dem Hunderttausende unschuldiger Menschen – vor allem Juden – ermordet wurden, beschwerte sich bei den Alliierten über seine Festnahme: „Am 11. März (1946), 23 Uhr wurde ich verhaftet… Da ich beim ersten Aufschrecken aus dem Schlaf auch noch annahm, es handele sich um einen der dort häufig vorkommenden Raubüberfälle, gelang die Verhaftung. Es wurde mir übel zugesetzt durch die Field-Security-Police. Ich wurde nach Heide geschleift, ausgerechnet in die Kaserne, in der ich von den Engländern acht Monate vorher entlassen worden war.“
Tatsächlich hatte Höß sich bei Kriegsende ebenfalls nach Flensburg durchgeschlagen. Dort erhielt er ein Soldbuch unter falschem Namen und wurde entsprechend als „Franz Lang, Bootsmaat der Marine“ eingekleidet. Zunächst machte er sich nach Rantum auf Sylt zur Marinenachrichtenschule auf. Diese wurde Ende Mai einschließlich des falschen Bootsmaats nach Brunsbüttel verlegt. Einen Monat später wurde Franz Lang alias Höß als Landwirt vorzeitig nach Heide zur britischen Entlassungsstelle überführt. So landete er schließlich auf dem Hof von Bauer Peter Hansen in Gottrupel, der noch in alliierter Kriegsgefangenschaft war. „Nach Angaben von Nachbarn gehörte Höß praktisch zur Familie, beschäftigte sich oft mit den Kindern und war fleißig und hilfsbereit“, erzählt Paul. Im Dorf habe er sich sogar als Schriftführer bei Gemeinderatssitzungen nützlich gemacht. Paul: „Das war typisch für die SS-Kriegsverbrecher. Auf der einen Seite waren sie Massenmörder, auf der anderen Seite verkörperten sie die deutschen Sekundärtugenden, waren treusorgende Familienväter, fleißig und strebsam.“ Die Bäuerin, der Höß als Verwalter ihres Hofes zugewiesen wurde, schilderte den KZ-Kommandanten so: „Er sah eigentlich nett aus. Haare schlicht zurückgekämmt, höflich, bescheiden.“
Anders als viele andere Nazi-Größen beging Höß keinen Selbstmord. Seine Giftphiole, die viele SS-Angehörige mit sich trugen, sei zwei Tage vor seiner Verhaftung zerbrochen, sagte er aus.
Höß musste sich weltlichen Richtern stellen, allerdings nicht vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal. Er wurde am 25. Mai 1946 von den Briten an Polen ausgeliefert und dort ein Jahr später zum Tod am Strang verurteilt. Die Hinrichtung fand im Lager Auschwitz statt, dort, wo er selbst zum Massenmörder geworden war. Stephan Richter Lesen Sie morgen, wie britische Bomber in der Eckernförder Bucht ein Schiff mit jüdischen KZ-Insassen beschießen und Anwohner zur Rettung eilen.