Wie deutsche Kriegsverbrecher in Fröslee landen

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Kriegsende 18.5

Fröslee
Das frühere „Polizeigefangenenlager Fröslee“, so die offizielle Bezeichnung der deutschen Besatzer, liegt versteckt in einem Waldstück nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt auf dänischer Seite bei Pattburg. Die Umgebung scheint idyllisch, bis der erste Wachturm ins Auge fällt. Sofort wird die Erinnerung an Konzentrationslager wach. „In diesem Krieg, in dem erstmals in der Geschichte sogar das Töten industrialisiert wurde, waren auch KZ-Baupläne vereinheitlich worden“, sagt Professor Gerhard Paul beim Blick über die Holzbaracken. Einige von ihnen werden heute als Museum genutzt. Fröslee ist für Dänen eine nationale Gedenkstätte, Symbol der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg.
„Es ist wohl eines der merkwürdigsten Konzentrationslager der Welt“, sagt der Flensburger Historiker. Damit meint er nicht nur die Zustände, als die Lagerleitung noch aus SS-Personal bestand. Die ersten Gefangenen kamen im August 1944 in das von den Deutschen errichtete Lager. Dänische Staatsbürger, die „rechtsfeindlicher, kommunistischer Tätigkeit“ oder „feindlicher Handlungen gegen die Wehrmacht“ beschuldigt wurden, wurden dadurch nicht automatisch nach Deutschland überstellt. Rund 12 000 Gefangene – vor allem „Politische“ – wurden hier in den letzten Kriegsmonaten interniert. Die Wachtürme waren jeweils mit einem Maschinengewehr ausgestattet, aber im Lager selbst gab es – anders als in den deutschen KZ’s – kaum Folter, Gewalt oder gar Tötungen. Selbst die Verpflegung war ausreichend; Gefangene bekamen das gleiche Essen wie ihre Wächter.
Dann kam der 5. Mai 1945, die deutsche Teilkapitulation im Norden – für die Fröslee-Insassen ein Tag der Befreiung. Doch das Lager hatte damit nicht ausgedient. Nun benötigten es die britischen Alliierten, um deutsche Kriegsverbrecher hier unterzubringen. Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 gingen ihr täglich Gestapo-Männer und gesuchte Nazi-Funktionäre ins Netz, viele von ihnen getarnt mit neuen Wehrmachtsuniformen. Die Festnahmen stiegen innerhalb von zwei Wochen auf rund 2500. Das Fröslee-Lager, das bis zum Kriegsende als „Station auf dem Weg in die Hölle“ galt, wurde nun zum Sammelbecken für Massenmörder und NS-Größen, darunter sechs Reichsminister, sechs NSDAP-Gauleiter, der Polizeipräsident von Lübeck oder der Stabschef der Waffen-SS, Werner Lorenz. Einer der Gefangenen war der Reichsgesundheitsführer Doktor Leonardo Conti, der beteiligt war an der Tötung von Kranken und Behinderten sowie an pseudomedizinischen Versuchen im KZ Buchenwald. Im Internierungslager traf er auf Otto Ohlendorf, der als Befehlshaber der Einsatzgruppe D in der Sowjetunion verantwortlich war für die Ermordung von etwa 90 000 Menschen.
Ohlendorf wurde nach seinen Verhören im Lager Fröslee nach Bad Mondorf ausgeflogen und beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess zum Tode verurteilt. Leonardo Conti erhängte sich vor Prozessbeginn am 6. Oktober 1945 in seiner Zelle in Nürnberg. Die Briten schlossen am 23. Mai 1945 das Internierungslager in Fröslee und richteten ein Verhörzentrum in Heide ein. Paul: „Bevor es Gedenkstätte wurde, nutzten es die Dänen noch bis 1949, um dort nach dem Ende der Besatzung dänische Kollaborateure und Angehörige der deutschen Minderheit festzusetzen.“ Stephan Richter Lesen Sie morgen:
Letzte Ruhe auf dem Friedenshügel