Wie aus dem Ende der Reichsregierung Dönitz ein Medienereignis wurde

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz im Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie, die heute endet, besuchten wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde.

Kriegsende 23.5.
Das schmucke Polizeigebäude in ihrer Innenstadt nennen die Flensburger immer noch „Polizeipräsidium“. Das mag nicht nur an der Geschichte liegen; immerhin war die Fördestadt tatsächlich bis 1937 Sitz eines „Präsidiums“ und wurde erst dann zur Polizeidirektion abgestuft. Sicher spielt bei der nostalgischen Beibehaltung der Bezeichnung auch die neobarocke Fassade eine Rolle, die von glanzvollen Zeiten spricht. Gegenüber von dem Gebäude flanieren Touristen um die Hafenspitze. Eine bessere Kulisse hätten sich Kameraleute auch heute nicht für das Ende des „Dritten Reiches“ am 23. Mai 1945 aussuchen können.
Prof. Gerhard Paul zeigt vor dem „Polizeipräsidium“ auf das emsige Treiben. „Glauben Sie bitte nicht, dass die Flensburger an jenem denkwürdigen Tag vor 70 Jahren alle verzweifelt zu Hause saßen. Natürlich herrschte unter den Zehntausenden von Flüchtlingen, die in die Stadt gekommen waren, große Not. Die Lazarette waren voll, und alle waren von der Sorge getrieben, wie es nach dem verlorenen Krieg weitergehen solle. Aber Flensburg war im Gegensatz zu anderen Städten weitgehend unzerstört geblieben. Man sah auch an jenem 23. Mai gut genährte Einwohner, die fein gekleidet zum Polizeipräsidium strömten.“
In dem Gebäude auf den Norderhofenden 1 hatte der britische Stadtkommandant Jack Churcher am 14. Mai 1945 das Hauptquartier der Besatzungsmacht eingerichtet und die britische Kriegsflagge aufgezogen. Vom Dach des Polizeipräsidiums konnte er auf der anderen Seite der Flensburger Förde – rund drei Kilometer Luftlinie entfernt – noch die deutsche Kriegsflagge sehen, die die Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz immer noch in der „Enklave Mürwik“ aufziehen ließ, auch wenn die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht bereits am 7./8. Mai im französischen Reims und in Berlin-Karlshorst unterzeichnet worden war. Am 10. Mai waren daraufhin britische Panzer in den Landesteil Schleswig vorgerückt bis hin zur dänischen Grenze. Die 159. Brigade unter Brigadier Churcher nahm Flensburg ein und handelte mit der Reichsregierung, die sich in die nördlichste Stadt des untergangenen Reiches zurückgezogen hatte, die Grenzen des „Sondergebietes Mürwik“ aus. Hier durfte Großadmiral Dönitz noch mit seinen Mannen Regierung „spielen“ – mit eigenem, bewaffneten Wachbataillon und mit einer gepanzerter Mercedes-Limousine samt Reichsadler-Stander. Jenseits dieser Enklave, die sich von der heutigen Marineschule entlang der Förde bis zum etwa sechs Kilometer entfernten Meierwik hinzog und in deren Grenzen sich etwa 6000 Menschen bewegten, hatte Churcher angeordnet: „No Naziflags, no Heil Hitler“ – keine Naziflaggen, kein „Heil Hitler“.
„Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieses absurde Theater zu Ende gehen musste“, sagt Prof. Paul. Er hat sich als Historiker einen Namen gemacht mit seiner wissenschaftlichen Arbeit über die Bilder des vergangenen Jahrhunderts, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind. „Klar, dass die Siegermächte Fotos, Reportagen und Filme haben wollten vom Ende des sogenannten ‚Tausendjährigen Reiches‘, mit dem Hitler-Deutschland großspurig die Weltherrschaft übernehmen wollte“, sagt Paul. Vielleicht dauerte es auch deshalb so lange, bis die Festnahme der Reichsregierung am 23. Mai 1945 im Hinterhof des Polizeipräsidiums erfolgte, weil Reporter, Fotografen und Kameraleute erst einmal zu diesem Medienereignis nach Flensburg gebracht werden mussten. Sie kamen aus aller Welt – aus Frankreich ebenso wie aus Großbritannien und der Sowjetunion, aus den USA oder aus Australien. „So sehr stand die Fördestadt nie wieder im Blickpunkt der internationalen Medien“, sagt Prof. Paul.
Die bevorstehende Festnahme musste sich in der Stadt herumgesprochen haben, sieht man doch auf den Fotos und Filmen vor allem Frauen und Kinder auf der Straße vor dem Polizeipräsidium stehen, um das Geschehen zu verfolgen. Für die richtigen Bilder und Szenen wurde gesorgt. Auf einfachen Lastwagen wurden der 53 Jahre alte Hitler-Nachfolger Karl Dönitz, der 40-jährige einstige Reichsrüstungsminister und Karriere-Architekt des Führers, Albert Speer, sowie der Chef des Wehrmachtsführungsamtes, Generaloberst Alfred Jodl (55), vorgefahren. Die Welt sollte den Untergang mit den Augen wahrnehmen, auch wenn Dönitz und Jodl noch ihre Ritterkreuze mit Schwertern und Eichenlaub umgehängt hatten.
Am Vormittag war die Reichsregierung vom Chef der alliierten Überwachungskommission, Generalmajor Lowell Rooks, um 9.45 Uhr auf die „Patria“ vorgeladen worden – ein früheres Passagierschiff der HAPAG-Reederei, das an der Pier vor der Marineschule in Mürwik lag und von den Besatzungsmächten als Quartier eingenommen worden war. Rooks erklärte den erschienenen Vertretern Dönitz, Jodl und dem letzten Oberbefehlshaber der Marine, Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, „dass heute die Geschäftsführende Deutsche Reichsregierung und das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht mit seinen verschiedenen Angehörigen als Kriegsgefangene festgenommen werden“. Koffer dürften die anwesenden Herren noch packen.
Speer war nicht dabei; er hatte sich im Schloss Glücksburg einquartiert und wurde von britischen Soldaten verhaftet, als er sich gerade rasierte. Generaladmiral von Friedeburg packte nicht seine Koffer, sondern beging Selbstmord. Er nahm Gift. Dönitz dagegen beklagte sich im Laufe des Tages noch bitter, dass er nur einen Koffer mit in die Haft nehmen dürfe. Fünf seidene Unterhosen soll der bei der späteren Leibesvisitation im Polizeipräsidium übereinander getragen haben, um der Gepäckreduzierung zu begegnen.
Wie so viele andere Erinnerungsorte in und rund um Flensburg, die bei diesem 14-tägigen „Nachspiel“ am Ende des Zweiten Weltkriegs Schauplätze waren, fristet auch der Hinterhof des Flensburger Polizeipräsidiums heute im wahrsten Sinne des Wortes ein Mauerblümchendasein. Mehrfach mussten Dönitz, Jodl und Speer durch den Toreingang gehen und sich schließlich vor der weißen Wand und den Holztüren aufstellen, gegenüberliegend auf einem Dach ein britischer Soldat, das Maschinengewehr im Anschlag. „Nein, Fluchtgefahr bestand nicht“, sagt Prof. Paul, „aber das machte sich auf den Bildern und Filmen gut“. Damit alle Fotografen und Kameramänner alles „in den Kasten“ bekamen, waren Wiederholungen angesagt – zum Ärger der Festgenommen.
Noch mehr beklagte sich Dönitz, dass ihm die beiden Feldmarschallstäbe von den Engländern als wichtigste sichtbare Siegestrophäen abgenommen worden waren. Sie sind heute im Regimentsmuseum der „King’s Shropshire Light Infantry“ nahe Londons zu besichtigen, ebenso wie die in Mürwik erbeutete Reichskriegsflagge. Auch dort wurden in der Marinesportschule die verbliebenen Mitglieder der Reichsregierung verhaftet. „Hosen runter“, hieß es bei der Festnahme. Danach mussten sie mit erhobenen Händen das Gebäude verlassen.
Wochen später waren die Filme von der Festnahme weltweit zu sehen; am 22. Juni 1945 berichtete erstmals auch die deutschprachige Wochenschau unter dem Titel „Nachspiel in Flensburg“ über das Ende des „Dritten Reichs“. Albert Speer sagte später: „Flensburg war nur die Bühne für das ‚Dritte Reich‘, nicht mehr.“
Nach den Bildern im Flensburger Polizeipräsidium wurden Dönitz, Jodl und Speer vom Flensburger Flugplatz Schäferhaus ins luxemburgische Bad Mondorf geflogen, wo die Alliierten die am meisten gesuchten SS-Angehörigen und NS-Funktionäre verhörten. Karl Dönitz wurde im Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal 1946 für schuldig gesprochen und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Albert Speer verbüßte bis 1966 zwanzig Jahre Haft in Berlin-Spandau. Alfred Jodl wurde im Oktober 1946 durch Erhängen gerichtet.
Stephan RichterENDE
„Geschichte lebt von Bildern, von Tönen, von geografischen Erinnerungsorten. Wir sollten sorgfältiger mit ihnen umgehen“, sagt Prof. Gerhard Paul. Sein Weg in diesen zwölf Serienfolgen lässt erahnen, was sich im Mai 1945 im Norden ereignet hat. Hinweise auf das Ende des „Dritten Reiches“ finden sich aber nirgends. Wo andere Bundesländer „Häuser der Geschichte“ eingerichtet haben, bleibt Schleswig-Holstein ein weißer Fleck. Dabei gäbe es so viel zu sehen, zu hören, zu erzählen. Nicht nur von der „Enklave Mürwik“. Man denke an die Flüchtlinge, die durch Krieg und Vertreibung ihre Heimat verloren und zu Hunderttausenden nach Schleswig-Holstein kamen. Aber das Land vergisst. Immerhin hat die Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte zum Kriegsende in Flensburg ein Buch publiziert, herausgegeben von Gerhard Paul und Broder Schwensen. „Mai 45“ lautet der Titel. Das Buch ergänzt und vertieft diese Serie in beeindruckenden Texten und Fotos. – Zum selben Thema ist 2009 im Wachholtz-Verlag das Buch „Vom Niedergang zum Neuanfang“ von Wolfgang und Leve Börnsen erschienen.