Tauben unter dem Dach der Synagoge

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus:
„Stolpersteine“ halten die Erinnerung an Rosa und Jakob Fordonski wach

sh:z 23. Juni 2015
sreie RD 23.6.15
Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So wird mit bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute stehen Rosa und Jakob Fordonski im Mittelpunkt.
I n der Nacht zum 10. November 1938 brachen in ganz Deutschland Männer in Braunhemden die Synagogen auf und legten Feuer. Sie schlugen die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte ein, plünderten die Einrichtungen, und wenn ihnen jemand entgegentrat, verprügelten sie ihn. Auch in Rendsburg verschafften sich Nazis in der „Reichskristallnacht“ Zugang zur Synagoge und zündeten einen Sprengsatz, der den Thora-Schrein zerstörte. Allerdings wurde das Gotteshaus nicht in Brand gesetzt, es wurde wohl ein Übergreifen der Flammen auf andere Häuser befürchtet. Heute befindet sich in der Prinzessinstraße 8 das Jüdische Museum und die Besucher „stolpern“ am Eingang über die Gedenksteine für Rosa und Jakob Fordonski.
Der letzte Gemeindediener der Synagoge in Rendsburg wurde von den Kindern des Stadtviertels „Onkel Jakob“ genannt. Seine Frau war bei den Kleinen als „Tante Rosa“ bekannt. Die beiden wohnten im Erdgeschoss im Vorderhaus des Gebetshauses. Unter dem Dachboden gurrten die Tauben. Jakob Fordonski durfte hier seine Tiere halten. Manchmal kam ein Nachbarjunge vorbei und besuchte das Ehepaar, das keine eigenen Kinder hatte. „Onkel Jakob“ stieg dann mit dem Knirps auf den Boden, wo der Kleine die Tauben füttern durfte. Mit den Nachbarn gegenüber in der Prinzessinstraße trafen sich Jakob und Rosa manchmal im Garten zum Kaffeetrinken. Mindestens seit 1923 lebten die beiden in Rendsburg, möglicherweise, weil es hier Bekannte aus ihrer Heimat gab. Rosa und Jakob stammten aus dem Landkreis Kolo in Russisch-Polen. Auch Gerson Schlumper, der ehemalige Schächter der Rendsburger Gemeinde, kam aus Kolo.
Am 25. Mai 1923 trat das Ehepaar aus der jüdischen Gemeinde aus. „Vielleicht hofften Fordonskis, dass es durch den Austritt leichter sein würde, eine Arbeit für Jakob zu finden“, vermutet Dr. Frauke Dettmer, die die Geschichte der Rendsburger Juden erforscht hat. Als Beruf hatte er „Bohrer“ angegeben. Der Haupthinderungsgrund für eine Anstellung, zum Beispiel in der Carlshütte in Büdelsdorf, wo er sich beworben hatte, war aber nicht seine jüdische Konfession, sondern seine polnische Staatsangehörigkeit. In den 20-er Jahren, Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, wurden zunächst deutsche Staatsangehörige eingestellt, ehe Ausländer berücksichtigt wurden. Zudem war Jakob lungenkrank. Schließlich beschäftigte ihn die jüdische Gemeinde als Synagogendiener. Da er durch den Austritt nicht mehr als jüdisch galt, war er in der Lage, Arbeiten zu verrichten, die etwa am Sabbat Juden nicht erlaubt sind wie heizen, Licht anzünden und löschen. Viel konnte die kleine Gemeinde nicht zahlen, so dass sich Jakob Fordonski ein wenig Geld durch Heimarbeit hinzu verdiente. Das Adressbuch von 1925 verzeichnete ihn als Stricker.
Das Ehepaar sollte im Oktober 1938 in der so genannten „Polenaktion“ nach Polen abgeschoben werden. Doch die Polen hatten ihre Grenze geschlossen. So kehrten die Fordonskis zunächst wieder nach Rendsburg zurück, zogen aber noch 1939 nach Lübeck in die St. Annenstraße. Es ist möglich, dass der Kontakt zur Lübecker Gemeinde durch Verwandte von Rosa Fordonski zustande gekommen war. Zumindest lebte in Lübeck ein Ehepaar Fraenkel, das ebenfalls aus Polen stammte, aus Kutno, eineinhalb Autostunden von Kolo entfernt.
Mit Kriegsbeginn galten alle polnischen Juden, die sich noch in Deutschland aufhielten, als Bürger eines feindlichen Staates. Schon vor den Massendeportationen wurden vor allem die Männer in die Konzentrationslager gebracht. Das betraf auch Jakob Fordonski, der am 23. Dezember 1939 in Lübeck verhaftet wurde. Bis zum 2. September 1940 war er Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald. Von dort wurde „Onkel Jakob“ in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, wo er am 14. Mai 1941 mit 54 Jahren ums Leben gekommen ist. Rosa Fordonski wurde am 6. Dezember 1941 mit weiteren 91 Juden aus Lübeck in das Lager Riga-Jungfernhof im besetzten Lettland deportiert. Ein Todesdatum für „Tante Rosa“ existiert nicht. Sie gehört zu den Opfern, von denen es in der „Todesfuge“ von Paul Celan heißt: „Sie sind verschollen, ermordet, haben ein Grab in den Lüften.“
Helma Piper