Schmerzhafte Rückkehr in die Stadt der Täter

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z 8.Juli 2015
SerieRD 8.7.15
Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So steht in bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Demnig. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie der Landeszeitung „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Geschichten vor. Heute steht Gabriel Weinberger im Mittelpunkt.
Die Eltern wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Der Bruder starb auf einem „Todesmarsch“ in Pommern: Nur Gabriel überlebte als einziger von der Familie Weinberger, die bis zur Judenverfolgung in der Nobiskrüger Allee 18 gewohnte hatte, den Holocaust. Nach Kriegsende kehrte der Rendsburger, der die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überstanden hatte, wieder in seine Heimatstadt zurück und erfuhr hier, dass alle seine Angehörigen umgekommen waren.
Geboren wurde Gabriel Weinberger am 11. August 1912 in Kiel. Die Eltern stammten aus Ungarn und hatten sich in Schleswig-Holstein niedergelassen. Ihr Sohn Gabriel wurde von einem ehemaligen Mitschüler der Christian-Timm-Schule als intelligenter, sensibler und couragierter Einzelkämpfer beschrieben, den man respektiert habe. Der Junge trieb viel Sport und war Mitglied in dem Verein „Gut Heil“. Nach der mittleren Reife absolvierte der Jugendliche eine Maurerlehre. 1933 schloss er eine Ausbildung als Bauingenieur an der Höheren Tiefbauschule in Rendsburg ab.
Nach dem Abschluss war der junge Fachmann zunächst arbeitslos, nahm dann verschiedene befristete Stellen bei Baufirmen an. „Einerseits wirkte sich im Bausektor noch immer die schwierige Wirtschaftslage aus“, weiß Dr. Frauke Dettmer, die die Schicksale der verfolgten Rendsburger Juden erforscht hat. „Andererseits wurde er als Jude bei der Vergabe von Arbeitsstellen benachteiligt.“ 1937 habe sich dann eine feste Stelle in Magdeburg bei einem „ausgesprochen anständigen“ Arbeitgeber ergeben. Nachdem die Gestapo ein schäbiges Hotel als so genanntes „Judenhaus“ beschlagnahmt hatte, wurde er gezwungen, dorthin zu ziehen. „In den Zimmern herrschte Enge und die gemeinsame Benutzung der wenigen sanitären Einrichtungen führte zu ständigen Reibereien.“
Als im März 1941 alle Juden im Reichsgebiet zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, verlor Gabriel Weinberger seine Arbeitsstelle und musste nun bis zur Deportation in einer Fabrik arbeiten, die Säcke, Planen und Zelte für das Afrikakorps herstellte: „Eine quälend staubige und schwere Arbeit“, hat Frauke Dettmer recherchiert. Weihnachten 1940 hatte Gabriel noch einmal die Eltern und seinen Bruder Stefan in Rendsburg besuchen können. Zum letzten Mal sahen sie sich im Sommer 1941 bei ihm in Magdeburg. Danach erhielt Gabriel Weinberger weder die Erlaubnis, sich im Dezember 1941 von seinem Bruder vor dessen Deportation nach Riga zu verabschieden, noch den Eltern im Juli 1942 beizustehen, als sie nach Theresienstadt verschleppt wurden.
Am 26. 2. 1943 wurde Gabriel Weinberger von Magdeburg aus über Berlin nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz musste er ebenfalls schwere körperliche Arbeit leisten. „Dennoch überstand er mit viel Glück diese Lagerjahre gesundheitlich relativ gut“, berichtet Frauke Dettmer weiter. Als die Rote Armee sich Auschwitz näherte, wurden die Häftlinge auf den „Todesmarsch“ zum KZ Buchenwald getrieben. Erst durch die Verlegung im Januar 1945 in dieses völlig überfüllte Lager erkrankte er schwer und steckte sich mit Tuberkulose an.
Am 11. April 1945 befreiten amerikanische Truppen die Häftlinge. Gabriel Weinberger war auch vier Wochen nach der Befreiung noch nicht in der Lage, sich auf den Weg nach Schleswig-Holstein zu machen. Zu der Tuberkulose kam eine schwere Durchfallerkrankung, er magerte zusehends ab. So verbrachte er die nächsten Monate in verschiedenen Kliniken und Lungenheilanstalten. Erst im Frühjahr 1947 kehrte der Überlebende nach Rendsburg zurück.
„Von Rendsburg aus betrieb er sein Entschädigungsverfahren, immer wieder unterbrochen durch Klinikaufenthalte“, hat Frauke Dettmer rekonstruiert. „Er hatte auch den Mut, den Tätern und Nutznießern vor Ort, die sich am Hab und Gut seiner Familie bereichert hatten, ins Gesicht zu sehen.“ So habe er sich nicht gescheut, persönlich zum Finanzamt zu gehen und die dort noch in einigen Büros vorhandenen Gegenstände aus der elterlichen Wohnung zurück zu fordern. „Er suchte aber auch die früheren Bekannten auf und bedankte sich bei den Nachbarfamilien Wulf und Veit in der Nobiskrüger Allee für ihr freundschaftliches Verhalten gegenüber seinen Eltern.“
In den 60- er Jahren zog er nach Hamburg, wo er als Ingenieur bei der Baubehörde der Stadt arbeitete. Am 28. Februar 2005 starb Gabriel Weinberger mit 92 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit, viele Jahre nach seiner norwegischen Frau Randi. Auf seinen Wunsch wurde er nach Israel überführt und in Jerusalem beerdigt. Frauke Dettmer hatte sich zu seinen Lebzeiten mehrfach um einen Kontakt bemüht. Vergeblich. „Alle Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, wurden höflich, aber konsequent abgelehnt.“ Die Wunden waren offenbar zu schmerzhaft.
Helma Piper