Mysteriöser Unfall bei der Zwangsarbeit

LZ-Serie über Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z 17. Februar 2015
Serie RD 17.2.15
Die Steine sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen und einige Daten in die Messing-Oberfläche. So wird in bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in den Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren die Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute steht Walter Gortatowski im Mittelpunkt.
Rendsburg
Der junge Mann hat sich im Fotoatelier bei seiner Mutter eingehakt. Die elegant gekleidete Dame blickt liebevoll zu ihrem Sohn auf. Das Paar lässt sich für das Familienalbum ablichten. Walter Gortatowski trägt als Freiwilliger des Ersten Weltkriegs Uniform. Die Aufnahme von 1914/15 strahlt Selbstbewusstsein aus: Die Geschäftsfrau Johanna Gortatowski und der Soldat Walter repräsentieren den Wohlstand einer angesehenen Rendsburger Familie.
Die Gortatowskis besaßen ein Geschäft für Bekleidung in der Hohen Straße. Johanna war mit ihrem Mann Bernhard 1895 von Schleswig nach Rendsburg gezogen. Der Kaufmann trat als Geschäftsführer in das Bekleidungsgeschäft M. Behr, Hohe Straße 6, ein. Um 1900 übernahm Bernhard Gortatowski die Firma selbst und ließ das Geschäftshaus verschönern. Das Gebäude hatte den höchsten Giebel der Straße. Die Gortatowskis waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Rendsburg und besuchten regelmäßig die Synagoge. Bernhard gehörte zum Gemeindevorstand.
Das Ehepaar hatte drei Kinder: Walter, Wally und Herbert. 1915 starb der Vater im Alter von 44 Jahren. Ehefrau Johanna führte das Geschäft bis 1925 weiter, dann übernahm Walter die Leitung. Er hatte bis zur Mittleren Reife das Realgymnasium in Rendsburg besucht und dann eine Kaufmannslehre gemacht. Von ihm ist ein Stoß Briefe erhalten, die er an eine unverheiratete Rendsburgerin schrieb, die eine kleine Tochter hatte. Offensichtlich verehrte Walter diese Frau sehr. Die Beziehung dauerte, den Briefen nach zu urteilen, von 1927 bis 1928. Weshalb diese Liebe auseinander ging, ist aus den Briefen, Postkarten und Zetteln nicht zu erkennen. Nichts deutet darauf hin, dass Walters Judentum dabei eine Rolle gespielt haben könnte.
Die Familie Gortatowski bewohnte die Etagen über dem Geschäft. Zeitzeugen berichten, dass es einen prächtigen Salon gab. Sonntags wurden Kaffeefahrten in den (Klein)-Garten unternommen. Die Gortatowskis führen ein gutbürgerliches Leben und waren sehr gut in der Stadt integriert. Johanna, die eine gepflegte Erscheinung gewesen sein soll, starb 1934 im Alter von 59 Jahren. An der Beerdigung auf dem Jüdischen Friedhof in Westerrönfeld nahmen auch Nachbarn aus der Hohen Straße, der Bäcker Gabriel und der Schlachter Loepthien teil.
Nach dem Tod von Johanna ging die Firma zu gleichen Teilen an die drei Kinder über. Walter blieb Geschäftsführer. Am 1. April 1933, als auch die Rendsburger Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, begann der wirtschaftliche Niedergang. In den ersten Tagen des Boykotts gab es allerdings auch mutige Solidaritätsbekundungen. Walter hatte Freunde in der politisch linken Szene der Stadt unter Sozialdemokraten und Kommunisten. Diese täuschten Einkäufe im Gortatowski-Geschäft vor: Sie betraten demonstrativ den Laden und kamen mit Schuhkartons unter dem Arm wieder heraus. Die Schachteln waren allerdings leer, denn so viel Geld, um sich tatsächlich immer wieder neue Schuhe kaufen zu können, hatten die Arbeiter nicht.
Mit der Firma ging es weiter bergab. 1936 kam kein Kunde mehr in den Laden, vom Großhandel wurde er nicht mehr beliefert. Das Geschäft, das viel Laufkundschaft hatte, verlegte sich zuletzt ganz auf Herrenschuhe und Berufskleidung. Nur für alte Kundinnen war noch Damenkonfektion besorgt worden. Im Februar schlossen die Gortatowskis ihr Unternehmen und vermieteten die Räume an „Kaisers Kaffeegeschäft“. Im Oktober 1938 wurde den Geschwistern dann das Anwesen Hohe Straße 6 von den nationalsozialistischen Behörden entzogen.
Kurz vor der Reichspogromnacht 1938 gingen Walter und seine Schwester Wally nach Berlin, in der Hoffnung, in der anonymen Großstadt untertauchen zu können. Schon in Rendsburg hatte Bruder Herbert, der nach Argentinien ausgewandert war, seine Geschwister beschworen, ebenfalls nach Buenos Aires zu kommen. Herbert hatte alles, was von seiner Seite aus möglich und nötig war, für den Bruder in die Wege geleitet. So hatte das jüdische Hilfskomitee in Buenos Aires Walter eine Stelle als Packer in einer Konservenfabrik besorgt. Warum Walter dann doch nicht nach Argentinien auswandern konnte, ist nicht bekannt.
Auch in Berlin, wo der Rendsburger im Jahr 1939 Betty Erb heiratete, bemühte er sich weiter um eine Ausreise. Das Paar hatte die Absicht, nach Bolivien auszuwandern. Aber mit Kriegsbeginn wurde es immer schwieriger, aus Deutschland herauskommen. Der Rendsburger musste in der Großstadt Zwangsarbeit beim Gleisbau leisten. Dort wurde der 43-Jährige am 12. März unter ungeklärten Umständen von einer Lokomotive erfasst und getötet.
Im Herbst 2012 ließ der Freundeskreis des Jüdischen Museums für ihn einen Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee setzen. Bei der kleinen und bewegenden Feier war auch die Nichte Johanna anwesend. Sie sprach das Kaddisch, das traditionelle Totengebet.
Zu den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung gehört auch Walter Gortatowskis Witwe Betty Selling. Sie hatte sich nach Walters Tod noch einmal verheiratet. 1943 wurde sie nach Theresienstadt gebracht. 1944 wurde Betty von dort nach Auschwitz deportiert. Ein Todesdatum ist nicht bekannt.