Korn zur Kabinettssitzung – Das Ende des Dritten Reiches in der Enklave Flensburg

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Kriegsende 11.5
Wer vor der Marinesportschule in Flensburg-Mürwik steht, wird auf vieles kommen – nur nicht darauf, dass an diesem Ort in den letzten Tagen des Dritten Reiches Kabinettssitzungen stattfanden. Der Eingang zu dem roten, schmucklosen Ziegelbau hat sein ursprüngliches Gesicht behalten: rechts und links große schmiedeeiserne Laternenleuchten auf in die Wand eingelassenen Betonsockeln, vor dem ausgeformten, grau-massiven Türrahmen drei Stufen, neben der Tür und darüber weiße Holz-Sprossenfenster. Nichts lässt das Gefühl aufkommen, hier könnte sich im Mai 1945 ein Stück Geschichte abgespielt haben. Im Gegenteil. „Bitte Fenster mit Sturmhaken sichern“, mahnt ein Schild an der Tür.
Auch die Geschäftsführende Reichsregierung von Großadmiral Dönitz und seinem Leitenden Minister Graf Schwerin von Krosigk hatte, so möchte man glauben, nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht nur das Naheliegende im Sinn. Doch Regierungen nehmen sich bekanntlich gern wichtiger als sie sind. „Fragen der Staatsymbolik spielten eine wichtige Rolle“, sagt Prof. Gerhard Paul, „man merkte wohl gar nicht die Komik mancher Entscheidung.“ So hätte die britische Besatzung den deutschen Soldaten untersagt, beim Marschieren zu singen. Darauf erließ Dönitz den Befehl: „Es wird jetzt nur noch gepfiffen.“
In der Marinesportschule sind heute Kadetten untergebracht. An den Wänden hängen Bilder von fröhlichen Offiziersanwärtern und -anwärterinnen. Frauen in der Marine: für Großadmiral Dönitz wäre dies wohl unvorstellbar gewesen. Die Zeiten ändern sich. Auf den schwarzen Brettern im Innern des Kasernengebäudes verweisen Schilder auf den Weg zum „Freizeitbüro“.
Bevor er am 30. April 1945 in Berlin Selbstmord beging, hatte Adolf Hitler Großadmiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Marine, testamentarisch zu seinem Nachfolger ernannt. SS-Reichsführer Heinrich Himmler und Reichsmarschall Göring waren wegen Kapitulationsabsichten in Ungnade gefallen. Über Plön war Dönitz nach Flensburg gekommen, wo er aus einigen ebenfalls in den Norden ausgewichenen Reichsministern eine Geschäftsführende Regierung bildete. Das Kabinett, das hier vor 70 Jahren täglich zusammentrat, wollte – wie Dönitz’ Adjutant schrieb – die Grundlage für einen Neuaufbau schaffen, „falls der Feind nicht eine andere Form der Regierung und Verwaltung vorsieht“. Memoranden über die Ernährungs- und Verkehrslage wurden verfasst. Deutschland lag in Schutt und Asche, die Hungersnot war groß, über eine Million Flüchtlinge kamen nach Schleswig-Holstein, deren Einwohnerzahl von 1,59 Millionen zu Kriegsbeginn auf 2,59 Millionen im Jahr 1946 anstieg.
Warum hat sich das Kabinett nicht die schöne Marineschule für ihre kurze Regierungszeit in der Enklave Flensburg ausgesucht, wollen wir vom Historiker wissen. „Die war wie die nebenan gelegene Klinik Ost zum Lazarett geworden. Und vielleicht ahnte die Reichsregierung auch, dass dies nun wirklich zu dick aufgetragen gewesen wäre“, sagt Prof. Paul. Immerhin wurde in der „Enklave Mürwik“ noch bis zum 23. Mai 1945 die Reichskriegsflagge des „Dritten Reiches“ aufgezogen. „Zu jeder Kabinettssitzung gab es Korn zum Trinken“, sagt Paul. Einer der wenigen, der offenbar die Lage richtig einzuschätzen wusste, war Albert Speer, der in der letzten Reichsregierung das Amt des Wirtschaftsministers einnahm. Anders als die übrigen Minister hatte er sich im Schloss Glücksburg einquartiert. Als er dort am 23. Mai verhaftet wurde, sagte er „Das musste ja so kommen. Es war sowieso nur noch Operette.“
Die Operette ist beendet, das kurzzeitige „Regierungsgebäude“ in Flensburg-Mürwik steht bis heute. Sogar der Reichsadler hängt noch an der Fassade. Nur das Hakenkreuz wurde aus dem Wappen entfernt. Und im Inneren dienen junge Soldatinnen und Soldaten, der Demokratie und der Freiheit verpflichtet.
Stephan Richter Lesen Sie morgen, wie sich unweit der „Enklave Mürwik“ ein letztes Mal Kriegsverbrecher im Flensburger Polizeipräsidium treffen.