Gedenkstätten

Die Erinnerung an die Herrschaft, Verbrechen und Nachgeschichte des Nationalsozialismus zählt zu den Grundlagen der politischen Kultur des demokratischen Deutschlands.
Die Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein sind unentbehrliche Akteure der Erinnerungskultur und leisten als Lernorte einen verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Umgang mit diesem besonderen Teil unseres kulturellen Erbes.

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Flyer Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein

Eine Übersicht der Gedenkstätten und Erinnerungsorte finden Sie hier:
BSHG/Gedenkstätten SH

2017-05-05 Erinnerungskultur und historisch-politische Bildung stärken

Von ProGedenkstätten besonders unterstützte und begleitete Projekte:

Stelen im Schnee* Die Entwicklung der KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing

* Die Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte Ladelund

Die nordfriesischen KZ- Gedenkstätten auf dem langen Weg zur Kooperation

I. Die Entwicklung bis 2014 (von Karin Penno- Burmeister)
Die KZ-Gedenkstätten Husum-Schwesing und Ladelund sind geschichtlich eng miteinander verbunden. Beide erinnern an die nordfriesischen Außenkommandos des Konzentrationslagers Hamburg-Neuengamme, errichtet im letzten Kriegsjahr in Baracken des Reichsarbeitsdienstes. Für beide Lager war eine gemeinsame Leitung zuständig. Die Lager waren heillos überfüllt mit jeweils über 2.000 Häftlingen aus 13 bis 14 Nationen. Die Zwangsarbeit am „Friesenwall“ zum Ausbau von Abwehrstellungen und Panzerabwehrgräben, die widrigen Witterungsverhältnisse im Herbst und Frühwinter 1944, die katastrophalen hygienischen Bedingungen und die extrem hohe Sterblichkeitsrate kennzeichnen die beiden nördlichsten der 87 Außenkommandos des KZ Hamburg-Neuengamme.
Doch die Nachgeschichte und die Erinnerungsarbeit verliefen sehr unterschiedlich. In Ladelund hielten die Begegnungen an den Gräbern der KZ-Opfer die Erinnerung wach. Bereits wenige Monate nach Kriegsende wur- den erste Kontakte mit Angehörigen der KZ- Opfer gesucht, bald wurde eine würdige Gräberstätte geschaffen. 1950 besuchte erstmals eine große Gruppe von niederländischen Angehörigen den Gedenkort, in den Folgejahren wurde dieser Austausch verstärkt. In Husum hingegen verlief die Entwicklung anders. Nach langem Schweigen wurde die Bevölkerung 1983 aufgerüttelt durch die Initiative der „Arbeitsgruppe zur Erforschung der nordfriesischen Konzentrationslager“ (später „AG Husum-Schwesing“). Der Kreis Nordfrieslandbeschloss 1986, eine Gedenkstätte zu schaf fen. Der Bildhauer Ulrich Lindow entwarf das Mahnmal und Rondell auf dem historischen Gelände (1987), Anfang der 2000er-Jahre das Stelenfeld und machte damit die Gedenkstätte zu einem künstlerisch gestalteten Erinnerungsort.
Historisch eng verbunden, nur 50 km voneinander entfernt, waren beide Orte von einer unterschiedlichen Erinnerungskultur geprägt. Informationen für Betroffene und für interessierte Gedenkstätten-besucher*innen fehlten in Schwesing. All dies war aus der Ladelunder Perspektive Anlass genug, jede Weiterentwicklung der Gedenkstätte Husum-Schwesing zu unterstützen.
2001 begann in Ladelund die Planung einer Erweiterung. Im Protokoll des Gedenkstättenausschusses vom 11. Juli 2001 heißt es: „Karin Penno soll klären, ob der Kreis Nordfriesland bereit ist, das Projekt zu unterstützen und/oder die geplante Erweiterung in Ladelund genutzt werden kann, um eine Zusammenarbeit bzw. gemeinsame Informations-und Vermittlungskonzeption zu entwickeln.“In einem Sondierungsgespräch zwischen dem Landrat Dr. Olaf Bastian und der Ladelunder Gedenkstättenleiterin Karin Penno ging es um das Ziel, die Informations- und Vermittlungsarbeit für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing zu stärken. Von einer frühzeitigen Einplanung der Gedenkstätte in Schwesing in das Erweiterungsvorhaben Ladelund bat der Landrat jedoch abzusehen.
Die Zusammenarbeit beider Gedenkstätten war am 17. Dezember 2003 Thema einer Sitzung von Landrat und Kulturamt des Kreises, der 2002 gegründeten Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (BGSH), des Kultusministeriums des Landes Schleswig-Holstein und der Ladelunder Gedenkstättenleiterin. Die BGSH befürwortete eine enge Kooperation beider Gedenkstätten, auch im Hinblick darauf, die Gedenkstättenarbeit in Schleswig-Holstein und im Kontext der Gedenkstättenarbeit auf Bundesebene zu stärken.
In einer folgenden Sitzung am 5. April 2004, an der auch drei Mitglieder der ehemaligen AG Husum-Schwesing teilnahmen, wurde eine offene Kooperation und eine gegenseitige Beteiligung an Veranstaltungen befürwortet. Konzeptionen für eine gemeinsame Ausstellung, für pädagogische und touristische Angebote hielt man seinerzeit noch nicht für denkbar.
Auf Landesebene hatte sich Anfang der 2000er-Jahre der Arbeitskreis der Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein konstituiert, der dem Austausch und der Vernetzung diente. Der Arbeitskreis forderte mehr Unterstützung durch das Land Schleswig-Holstein und ein Landeskonzept der Gedenkstätten an. Husum-Schwesing war in diesem Arbeitskreis nicht vertreten.
2006 wurde in Ladelund das erweiterte Gebäude der Gedenkstätte eingeweiht. In Husum-Schwesing wurde die ehemalige Küchenbaracke gekauft sowie das künstlerisch gestaltete Stelenfeld fertiggestellt.
2007 kam Bewegung in das lange gehegte, doch nur schwierig zu realisierende Vorhaben einer Kooperation. Kulturamtsleiterin Johanna Jürgensen rief für den Kreis Nordfriesland eine Arbeitsgruppe ins Leben, um ein Nutzungskonzept für Husum-Schwesing zu entwickeln. Diese beschloss auf ihrer ersten Sitzung am 14. Januar 2008, zusätzlich eine kleine Projektgruppe zu bilden. Sie verfolgte das Ziel, als Grundlage für weitere Entscheidungen eine inhaltliche Konzeption der künftigen Gedenkstättenarbeit in Schwesing zu entwickeln. Vertreten in der Projektgruppe waren die für Kultur zuständige Staatskanzlei, die BGSH, die AG Husum-Schwesing, die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, die VVN/Bund der Antifaschisten und das Kulturamt des Kreises Nordfriesland.
Ausweislich des Sitzungsprotokolls beschloss die Projektgruppe am 1. Februar 2008: „Da die Lager Schwesing und Ladelund eine gemeinsame Geschichte aufweisen, sollen die bereits in Ladelund dokumentierten Ergebnisse dabei berücksichtigt werden. Insbesondere sind die im Besitz der AG zur Erforschung der nordfriesischen Konzentrationslager (…) befindlichen Unterlagen wie Schriftverkehr, Filmdokumente usw. auszuwerten und die La- gergeschichte nach 1945 bis heute ist aufzubereiten (…). die Geschichte der Nordfriesischen Konzentrationslager (muss) nicht ein- zeln, sondern in ihrer Gesamtheit betrachtet werden (…). Es bietet sich an, die Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund (…) und das Mahnmal Schwesing zusammen als ‚Leuchtturmprojekt‘ von bundesweiter Bedeutung neu zu positionieren. Die Förderung einer innovativen Neukonzeption aus Bundesmitteln ist denkbar.“ (Protokoll der Sitzung am 11. Februar 2008). Doch die im Privatbesitz von Perke Heldt befindlichen Unterlagen und Dokumente wurden für die geplanten Forschungsarbeiten nicht zur Verfügung gestellt.
Ein Symposium sollte den Weg zu einem gemeinsamen Konzept für die Gedenkstättenarbeit in Nordfriesland voranbringen, von Fachleuten begleitet und unterstützt. Die Projektgruppe bereitete die Fachtagung in enger Zusammenarbeit mit dem Nordfriisk Instituut und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme vor. Die BGSH übernahm die Kosten und das Nordfriisk Instituut stellte den Veranstaltungsort. Für die Tagungsleitung wurde die Historikerin Dr. Christl Wickert gewonnen. Das Symposium fand am 3. Juli 2008 in Bredstedt statt. Allerdings mussten die 25 Teilnehmer*innen auf einen Teil der vorbereiteten Vorträge und auf die am Nachmittag geplanten Arbeitsgruppen verzichten. Grund für die Programmänderung war ein unangemeldeter Vortrag von Dr. Klaus Bästlein, der eine „Stellungnahme zur weiteren Entwicklung der Gedenkstätten für die nordfriesischen Konzentrationslager Husum-Schwesing und Ladelund“ vorstellte und die Veranstaltung im weiteren Verlauf mit scharfer Kritik und einseitigen Forderungen für Husum-Schwesing dominierte. Die gerade wieder begonnene Zusammenarbeit der Gedenkstätten Ladelund und Husum-Schwesing wurde durch diese Intervention im Keim erstickt.
Im folgenden Jahr legten Dr. Klaus Bästlein, Perke Heldt und Dr. Jörn Leppien dem Kreis Nordfriesland eine umfängliche „Konzeption für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing und die weitere Entwicklung der Gedenkstätten zum Nationalsozialismus in Nordfriesland“ vor. Diese vornehmlich an den Interessen von Husum-Schwesing ausgerichtete Konzeption bot aus Sicht der Ladelunder Gedenkstätte keine Grundlage für eine engere Zusammenarbeit.
Doch die Finanzierung (2,69 Millionen Investitionskosten und 350.000 Euro jährliche Betriebskosten) des vorgeschlagenen Dokumentenhauses für Husum-Schwesing ließ sich vorerst nicht realisieren, obwohl Landrat Dieter Harrsen sich persönlich für das Projekt einsetzte und auch selbst den Kontakt zu der Arbeitsgruppe um Klaus Bästlein pflegte.
Drei Jahre später schlug die BGSH in Abstimmung mit der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund und dem Land Schleswig-Holstein dem Kreis Nordfriesland vor, einen Antrag auf Bundesförderung für die Weiterentwicklung der Gedenkstätten Husum- Schwesing und Ladelund zu stellen. Aufgrund einer Intervention durch Klaus Bästlein am 21. Februar 2012 sprach sich der Kulturausschuss jedoch gegen den gemeinsamen Antrag aus. So stellte das Land 2013 einen entsprechenden Antrag nur für Ladelund, den die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien 2014 bewilligte. Die Folge: Während für die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund eine Neukonzeption und neue wissenschaftliche Ausstellung vorbereitet werden konnte, gab es für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing keine Förderung.
Doch stelle dankeswerterweise ein großzügiger Spender auf Initiative von ProGedenkstätten 100.000 Euro zweckgebunden für eine Outdoor-Ausstellung auf dem historischen Gelände in Schwesing zu Verfügung. Der Kreistag Nordfriesland beschloss im März 2014, eine wissenschaftliche Außenausstellung für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing in Auftrag zu geben. Diesem Beschluss folgten Zusagen der BGSH für eine entsprechende Projektförderung und des Landes Schleswig-Holstein für die Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing. Der 2014 gegründete Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing brachte sich engagiert in die Planung der Neugestaltung ein.

II. Aktuelle Zusammenarbeit (von Raimo Alsen)
Mit den zeitgleichen Neugestaltungen in Husum-Schwesing und Ladelund bot sich eine Zusammenarbeit in diesem Punkt an. An beiden Orten konnten ausgewiesene Historikerinnen als Kuratorinnen gewonnen werden. In Schwesing arbeitete fortan Nina Holsten (Hamburg) und in Ladelund Dr. Angelika Königseder (Berlin) an der inhaltlichen Umsetzung der Ausstellungen und weiteren Erforschung der Konzentrationslager inklusive ihrer Nachgeschichte. Vertreter/innen beider Gedenkstätten, unter anderem die erwähnten Kuratorinnen, nahmen an Sitzungen der jeweiligen Begleitgremien teil. Hierdurch entstanden hilfreiche Synergieeffekte. In Schwesing einigte man sich für die Gestaltung der Ausstellung auf das Hamburger Designerbüro gwf-Ausstellungen. Es war zwar kein Auswahlkriterium, aber eine glückliche Entscheidung im Rahmen einer aufwendigen Ausschreibung, dass dieselbe Agentur nun auch in Ladelund die neue Ausstellung gestaltete. Dadurch haben beide Ausstellungen auch in der grafischen Umsetzung eine Verbindung erfahren.
Seit 2014 treffen sich Vertreter/innen des Freundeskreises der KZ-Gedenkstätte Husum- Schwesing, der Kulturstiftung Nordfriesland und der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund in regelmäßigen Abständen, um die weitere Zusammenarbeit voranzubringen. Neben informativem Austausch haben diese Treffen vor allem das Ziel, beide Gedenkstätten zukünftig weiter in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Im Jahr 2017 erfolgte kurz vor der Eröffnung der Schwesinger Ausstellung ein gemeinsam organisierter Pressetermin. In einer gemeinsamen Pressemitteilungwurde das Jahr 2017 zum Jahr „Wider dasVergessen“ erklärt und die Öffentlichkeit, insbesondere Kommunen, Kirchengemeinden und Schulen dazu eingeladen, mit eigenen Initiativen auf die Geschichte und Nachgeschichte beider Lager aufmerksam zu machen. Zukünftig soll vor allem in der Gestaltung didaktischen Arbeitsmaterials zusammengearbeitet werden.

Die Autoren:
Karin Penno-Burmeister leitet das Fundraisingprojekt ProGedenkstätten. Sie war 1995 – 2013 Leiterin der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund.
Raimo Alsen war 2014 – 2018 Leiter der KZ- Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund und ist Lehrer für Geschichte und Englisch.

(Quelle: BGSH Newsletter Nr. 11 / 2017)