Fußball, Textilien und die Flucht

Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus:
„Stolpersteine“ halten die Erinnerung an Harry und Regina Kader wach

sh:z 30. Mai 2015
Serie RD 30.5.15php

Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So wird mit bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute stehen Harry und Regina Kader im Mittelpunkt.
Sonntagnachmittag: Vor der Nordmarkhalle in Rendsburg wird Fußball gespielt. Der Platz ist eine einfache Grasfläche. Die Tore bestehen aus rohen Holzbalken ohne Netz. Etwa 80 Zuschauer verfolgen an diesem Tag im Jahre 1934 ein Spiel des Rendsburger VfB. Die Elf gilt als gute Mannschaft, die noch keinen Abstieg hinnehmen musste. Die Siege der Fußballer lassen auf fähige Trainer und Manager schließen. Zwei Jahre lang, von 1933 bis 1935, war Harry Kader für die Stürmer, Verteidiger und Torhüter verantwortlich. Der jüdische Kaufmann leitete die Sparte Fußball des größten Sportvereins der Stadt.
Der Fußballfreund war Anfang der 30-er Jahre nach Rendsburg gekommen. Er stammte aus Galizien und wurde am 8. Juli 1895 in dem Ort Kalusz (heute Ukraine) geboren. Seine Eltern starben früh. Als 13-Jähriger zog Isser, der seinen Vornamen in Deutschland änderte und sich Harry nannte, zu Verwandten in die Großstadt Berlin. 1917 wurde der junge Mann zum Heeresdienst eingezogen. Nach Kriegsende kehrte der Soldat nach Berlin zurück und arbeitete für das Möbelhaus Stern. Das Unternehmen besaß eine Filiale in Schleswig. Im November 1928 wurde der Mitarbeiter Harry Kader an die Schlei geschickt und erhielt schließlich den Posten als Leiter der Schleswiger Zweigstelle.
Mit der gesicherten beruflichen Position stellte der Kaufmann im Mai 1929 einen Antrag auf die Einbürgerung. In seinem Schreiben gab Harry Kader an, dass er monatlich 500 Reichsmark verdiene, unbestraft sei und demnächst seine Verlobte heiraten wolle. Er fügte dem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft eine Beurteilung des Arbeitgebers bei, der den Filialleiter als strebsam, ehrlich und fleißig lobte. Vier Monate später kam die Ablehnung. Die Absage ließ keinen Zweifel an der Diskriminierung des Bittstellers. Die Tatsache, dass Harry Kader schon 21 Jahre lang in Deutschland lebe, sei noch keine sichere Bürgschaft dafür, „dass sich der aus Galizien stammende Jude dem Land verbunden fühlt“.
Nach dieser Niederlage wagte der Geschäftsmann einen Neuanfang. Harry Kader machte sich in Rendsburg mit einem Abzahlungsgeschäft für Heimtextilien und Bekleidung an der Ecke Schleifmühlenstraße/Am Holstentor selbstständig. Er hatte mittlerweile geheiratet. Seine Frau Regina Levy, geboren am 15. Mai 1906, stammte aus dem ursprünglich peußischen Lonzyn, polnisch Lazyn, im Kreis Thorn. Das kinderlose Ehepaar verkaufte Damen- und Herrenmoden sowie Bett-, Leib-, Tischwäsche und Gardinen. Beide waren als gelernte Schneiderin und Schneider in der Lage, gewünschte Änderungen selbst zu übernehmen. Das Ehepaar verdiente genug, um von seinen Einkünften die Eltern Levy, die inzwischen in Berlin wohnten, fortlaufend zu unterstützen. Reginas jüngere Schwester Johanna, die einige Sommerferien in Rendsburg verbrachte, erinnert sich an die von Regina geschmackvoll eingerichtete Wohnung, „wie ein Museum“. Harry Kader fuhr auch mit dem Auto über Land, um Raten zu kassieren oder für das Warenlager einzukaufen. In dieser Zeit führte Regina Kader das Geschäft.
Weitere Kundschaft erhoffte sich Harry Kader durch den Einsatz als Trainer beim Sportverein „Eintracht“. 1933 musste sich der Verein auflösen, setzte aber seine Tätigkeit unter dem Namen „Verein für Bewegungssport (VfB) noch zwei Jahre fort. Doch auch die angesehene Funktion als Leiter der VfB-Fußballabteilung konnte nach der Machtübernahme der Nazis die gesellschaftliche Ächtung und den beruflichen Niedergang nicht verhindern. Vor dem Geschäft in der Schleifmühlenstraße stand am 1. April 1933, am Boykott-Tag, ein SA-Posten und versperrte Kunden den Eintritt. Das Geschäft lief immer schlechter.
Im Oktober 1938 wurden Harry und Regina Kader wegen ihrer polnischen Staatsangehörigkeit nach Polen deportiert. Doch Polen hatte die Grenze bereits geschlossen, so dass sie wieder nach Hause gebracht wurden. Kaders mussten ihre Wohnung und ihr Geschäft aufgeben, verloren ihre Existenzgrundlage und bezogen eine Behelfsunterkunft im Vorderhaus der Rendsburger Synagoge. Die beiden planten die Auswanderung in die USA, besaßen die Bürgschaft eines Verwandten, jedoch war die Quote für 1939 schon erfüllt. Am 1. März 1939 floh das Paar nach Brüssel und kam damit der Ausweisung aus Deutschland zuvor, die bis Ende Juli 1939 verfügt worden war.
Mit der Besetzung Belgiens im Mai 1940 wurde das Fluchtland zu einem Ort der Verfolgung. Im August 1942 begannen die Deportationen. Die Eheleute wurden in das Sammellager Malines/Mechelen transportiert und von dort zusammen mit 997 weiteren Frauen, Männern und Kindern am 18. August 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von diesem Transport scheint niemand überlebt zu haben. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs gibt den 28. August 1942 als Sterbetag von Regina Kader an. Wo und wann Harry Kader umkam, ist bis heute nicht bekannt. Und in Rendsburg war seinerzeit nur aufgefallen, dass der ehemalige VfB-Sportler „mit einem Mal, über Nacht, weg war. Einfach verschwunden“.
Helma Piper