Ewiger Student mit Humor und Lebenslust

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z 13.März 2015
Serie RD 13.3.15
Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So steht in bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Demnig. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie der Landeszeitung „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute steht Adolf Hermann Meyer im Mittelpunkt.
Rendsburg
Von Adolf Meyer ist keine Fotografie erhalten geblieben. Doch es gibt Erinnerungen von Zeitzeugen an den gebürtigen Rendsburger. Danach war der Akademiker kein attraktiver Mann. Er hatte einen Bauch und fast eine Glatze mit nur noch einem Haarkranz. Die äußerlichen Mängel machte der Norddeutsche allerdings durch sein fröhliches Wesen doppelt wieder wett. Eine Bekannte beschrieb ihn als „verrückte Henne“. In der Familie und bei Freunden genoss er eine gewisse Narrenfreiheit. Einmal fuhr der lebensfrohe Pädagoge mit seinem Bruder im offenen Wagen durch Kiel, eine Freundin und eine der Schwestern dabei. Während der Wagen durch die belebte Holtenauer Straße fuhr, winkte Adolf „majestätisch“ dem Volk zu.
Adolf Hermann Meyer wurde am 15. Juli 1883 in Rendsburg geboren. Sein Vater Hermann Meyer war verheiratet mit Rosa Cohn, die aus Dänemark stammte. Der Kaufmann führte seine Tabakgeschäfte unter anderem in der Wallstraße und am Jungfernstieg. Das Paar hatte fünf Kinder. Adolf war der älteste Sohn. Er zeichnete sich durch ein breites Interesse an unterschiedlichen Wissenschaften aus, hatte allerdings auch den Ruf des „ewigen Studenten“. Zunächst hatte Adolf Meyer Jura, dann Mathematik und Naturwissenschaften studiert, unter anderem in Heidelberg und Kiel, wo er 1911 zum Dr. rer nat. promoviert wurde. Danach belegte der Doktor der Naturwissenschaften weitere Fächer in seinem Fachgebiet – dieses Mal für den Schuldienst.
Ostern 1914 trat er seine erste Stelle am Gymnasium in Graudenz in Westpreußen an. In diesem Jahr ließ sich der Sohn der jüdischen Familie auch evangelisch taufen. Während des Ersten Weltkriegs gehörte der junge Mann dem Landsturm 1 an. Nach dem Krieg unterrichtete der Lehrer in einer privaten Schule in Hamburg. Erst am 15. April 1926 trat Adolf Meyer wieder in den Staatsdienst ein, zuletzt als Studienassessor am Gymnasium Allenstein, das er 1929 verließ, weil er als Jude „dauernd Schwierigkeiten“ hatte. In Königsberg verlobte er sich mit der wesentlich jüngeren, geschiedenen Elsa Idell aus dem ostpreußischen Plehnen. Nach knapp vier Jahren musste die Verlobung mit dem Juden „unter Druck“ gelöst werden, so Elsa Idell. Sehr gelitten hat sie darunter offenbar nicht, denn noch 1933 heiratete sie einen „Arier“.
Von 1929 bis 1933 studierte Adolf Meyer Medizin in Kiel. 1934 bestand er das medizinische Staatsexamen. Da er als Jude keine Aussicht auf die Approbation hatte, versuchte er als „Heilkundiger“ mit Homöopathie und anderen Naturheilverfahren seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Diesen Weg hatte auch sein Bruder Henry Gerald in Rendsburg eingeschlagen, der als „Wunderdoktor“ weit über den Norden hinaus bekannt war. Der prominente Heilpraktiker hatte sich eine Villa ersteigern können und wohnte mit seiner Mutter und den Schwestern in dem repräsentativen Haus an der Ecke Königstraße/Wrangelstraße. Auch Adolf praktizierte zeitweise in den Räumen seines Bruders, parallel dazu auch in Kiel. In beiden Städten verurteilte ihn das Gericht zu geringen Geldstrafen, weil Patienten aus seinen Anzeigen und seinem Praxisschild („Dr. Adolf Meyer“) angeblich den Eindruck gewinnen konnten, er sei niedergelassener Arzt.
Weil die Situation in der Kleinstadt immer gefährlicher und die Übergriffe der Nazis immer stärker wurden, zog die Familie 1935 nach Hamburg um. Im Februar 1936 folgte auch der älteste Sohn seiner Mutter und den Geschwistern in die Hansestadt. Er erlangte einen Gewerbeschein als „Krankenbehandler“. Auch hier wurde der Doktor der Naturwissenschaften wegen angeblicher Täuschung der Patienten polizeilich verfolgt und im März 1938 sogar zu einer Geld- und Haftstrafe verurteilt.
Zwischen Spätherbst 1938 und Mai 1939 flüchtete die Familie Meyer-Gerald nacheinander von Hamburg aus nach Kopenhagen. Nur Adolf Meyer blieb allein in Hamburg zurück. Warum, ist nicht bekannt. Er hätte allen Grund gehabt, Deutschland zu verlassen, da er in den Akten von Polizei und Gericht seit seiner Verurteilung als „hemmungsloser Rechtsbrecher“ geführt wurde und keinerlei Chance hatte, in Hamburg eine irgendwie unauffällige Existenz zu führen.
Ende Juli 1941 wurde er für einige Tage als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel eingewiesen. Wenige Wochen später, am 25. Oktober, wurde er mit einem der ersten Transporte in das Ghetto Lódz (Litzmannstadt) in Polen deportiert, wo er nach nur sechs Monaten am 23. April 1942 umkam. Adolf Meyer starb entweder an den Haftbedingungen im Lager oder der ehemalige heitere und lebensfrohe Student wurde in den Gaswagen des 50 Kilometer von Lodz entfernten Vernichtungslagers von Chelmno (Kulmhof) ermordet.
Helma Piper