Eine behütete Jugend in der Hohen Straße

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z 5.2.2015
Serie RD 5.2.15 Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So wird mit bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute steht Herbert Gortatowski im Mittelpunkt.
Rendsburg
Das Foto ist ein Geschenk an die Verlobte: „Meinem lieben Friedchen“ steht auf der Rückseite geschrieben. Die Aufnahme, entstanden um 1931, wird im Archiv des Jüdischen Museums Rendsburg aufbewahrt. Das Bild zeigt Herbert Gortatowski. Der junge Mann auf dem vergilbten Dokument hatte einen weitsichtigen Verstand. Der jüdische Kaufmannssohn aus Rendsburg erkannte klar die Gefahr des NS-Terrors und schaffte es als einziger von drei Geschwistern, rechtzeitig vor dem Holocaust seine Heimat zu verlassen.
Herbert Gortatowski war zum Zeitpunkt der Aufnahme etwa 26 Jahre alt. Der Sohn einer jüdischen Familie, die in den 1890-er Jahren nach Rendsburg gezogen war, wohnte mit Mutter, Bruder und Schwester in der Hohen Straße Nr. 6. In dem Haus mit dem schönen Treppengiebel befand sich seit der Jahrhundertwende das Bekleidungsgeschäft seiner Eltern. Der Vater starb früh. Herbert war erst zehn Jahre alt, als Bernhard Gortatowski 1915 auf dem jüdischen Friedhof in Westerrönfeld beigesetzt wurde. Die Mutter Johanna wurde 1934 neben ihrem Ehemann beerdigt. Das Familiengrab befindet sich noch heute dort.
Vieles deutet darauf hin, dass Herbert, der 1905 geboren wurde, eine behütete Jugend erlebte. Eine ehemalige Freundin der Familie, deren Eltern im Nachbarhaus der Gortatowskis eine Gastwirtschaft betrieben, erinnert sich: „Als Wirtstochter lief ich ja zu Hause nur so nebenher, aber bei den Gortatowskis war ich immer willkommen. Es war eine phantastische Familie, ich habe da schöne Jahre gehabt.“ Herbert ging auf das Gymnasium, die heutige Herderschule. Er spielte Geige und trat auch in einem Schülerkonzert auf.
Am 17. März 1925 legte der intelligente Schüler sein Abitur ab. In einer Beurteilung heißt es: „Herbert Gortatowski ist ein anspruchsloser, etwas stiller Mensch, der nicht jeden in sich hineinsehen lässt, ohne dass man ihn deswegen als verschlossen bezeichnen möchte. Bei genügender Begabung besitzt er einen klaren, nüchternen Verstand, und da sich mit diesem Fleiß und stete Aufmerksamkeit verbinden, so sind seine Leistungen, wenn auch zeitweise etwas schwankend, im allgemeinen voll genügend. Seine Reife erscheint zweifellos.“
Der Herderschüler studierte nach dem Abitur Jura in Hamburg und Frankfurt am Main. 1930 brach er das Studium ab und folgte einem Freund aus der Heimat nach Venezuela. Nach knapp einem Jahr kehrte er zurück und verlobte sich in Rendsburg mit einer Cousine, Frieda Aronsohn aus Berlin. Der junge Mann hatte seine Braut, die er zärtlich Friedchen nannte, bei einem Verwandtenbesuch kennen gelernt.
Zwei Jahre später, 1932, zog das Paar nach Spanien. Dort heirateten Herbert und Frieda. Der Ehemann arbeitete für eine Frachtfirma, übersetzte Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Herberts Frau kam 1936 wegen einer Lungenoperation nach Deutschland zurück. Er selbst flüchtete, noch bevor Frieda nach Spanien zurückkehren konnte, vor dem spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich. Im Januar 1937 wanderten die beiden nach Argentinien aus.
In der neuen Heimat kamen 1938 ihre Tochter Johanna Kläre und 1943 ihr Sohn Thomas zur Welt. Gleich nach der Einwanderung versuchte Herbert, seine Geschwister ebenfalls zur Flucht zu bewegen. In seiner Heimatstadt hatten Bruder Walter und Schwester Wally 1936 das Geschäft schließen müssen. Es kamen keine Kunden mehr. In dem benachbarten Gasthaus in der Hohen Straße, das in ein Wiener Café umgebaut worden war, gab es ein Telefon. Die Wirtstochter berichtet, dass Herbert immer wieder aus Argentinien angerufen habe. Walter musste dann rüberkommen an den Apparat. Der Anrufer habe gedrängt: „Kommt, kommt so schnell wie möglich.“
Auch Herberts Tochter Johanna Kläre beschreibt in einem Brief die verzweifelten Versuche ihres Vaters, Bruder und Schwester zu retten: „Unser lieber Vater war so klug, dass er schon damals sagte, es würde etwas sehr Schlimmes in Deutschland geschehen und hat später in Argentinien so gedrängt, dass seine Geschwister herkommen sollten, hatte natürlich die Einreise für sie. Leider haben sie nicht auf ihn gehört und als sie sich entschlossen hatten, war es zu spät.“
Bruder Walter wurde 1941 als Zwangsarbeiter in Berlin bei Gleisbauarbeiten unter mysteriösen Umständen von einer Lokomotive erfasst und getötet. Wally überlebte den Nationalsozialismus in einem Versteck, wanderte 1949 mit ihrem Mann nach Argentinien aus und nahm sich 1979 als Folge des lebenslangen Traumas in Rendsburg das Leben.
Herbert erlag im Alter von 54 Jahren 1959 in Buenos Aires einer Krebserkrankung. 1995 besuchten die Kinder Johanna und Thomas mit ihren Ehepartnern die Heimatstadt ihres Vaters, der „mit Leib und Seele“ Schleswig-Holsteiner gewesen war. Ermöglicht wurde der Besuch durch eine Spendenaktion und einen Zuschuss der Stadt Rendsburg. Herberts Frau starb in Buenos Aires 1978 als 74-Jährige. Das Jugendfoto ihres Mannes mit der liebevollen Widmung hatte Friedchen ihr Leben lang gehütet.