Die Schergen des „Dritten Reichs“ machen sich aus dem Staub

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Professor Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Kriegsende 12.5.
Das Hotel „Vier Jahreszeiten“ am Neuen Jungfernstieg in Hamburg ist bis heute eine Nobelherberge. Wer dagegen im kleinen Nachbau dieses Hauses in Flensburg übernachtet, dürfte ungern darüber berichten. Hier, im 1890 errichteten „Flensburger Hof“, befindet sich seit 1935 der Sitz der Polizei. Beim Besitzerwechsel stand der NS-Terror noch am Anfang. Die Betreiber des Hotels „Flensburger Hof“ wurden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten angeprangert, jüdischer Abstammung zu sein. Das war falsch und wurde nach einigen Tagen widerrufen, aber der Boykott wirkte nach und führte die Familie endgültig in den Ruin. Sie musste an den Staat verkaufen. Die Polizei zog in das Gebäude mit der neobarocken Fassade an den Norderhofenden ein.
In demselben Gebäude endete am 23. Mai das „Dritte Reich“ mit der Verhaftung der Regierung Dönitz. Doch bevor das Kapitel zu Ende ging und die Bilder um die Welt gingen, kam es am 5. Mai 1945 zu einem Auftritt der ganz anderen Art. Der SS-Reichsführer und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, war auf der Flucht wie so viele Kriegsverbrecher auch. „Es gab im Deutschland des 20. Jahrhunderts vermutlich keinen Menschen neben Hitler, der mehr Macht über Leben und Tod hatte als dieser Massenmörder. Und nun musste er plötzlich seine Identität ändern, hatte keinen Wagen und Chauffeur mehr und bekam auch von Großadmiral Dönitz keinen Platz mehr in der Reichsregierung“, sagt Professor Gerhard Paul.
Der Historiker steht in genau jenem Raum im Flensburger Polizeigebäude, der zu Hotelzeiten noch Fest- und Speisesaal war. Der Stuck ist geblieben, der Geist ist ein anderer geworden. Die Wände des Raumes mit seinen beiden großen Säulen an der Stirnseite sind weiß getüncht. Er ist hell und lichtdurchflutet und atmet Transparenz und Offenheit. Die Polizeidirektion hat sich in den vergangenen Jahren kritisch mit der Vergangenheit auseinandergesetzt; eine altarähnliche Heldengedenktafel mit zweifelhaften Namen aus der NS-Zeit wurde in das Magazin des Deutschen Historischen Museums in Berlin verbannt. Ein großes Wandgemälde von Käte Lassen zeigt zwar noch zwei Schäferhunde, wie sie die einstigen „Herrenmenschen“ liebten. Die Sonne im Hintergrund des Gemäldes soll einst ein Hakenkreuz symbolisiert haben; jetzt ist sie ein gelbes Rund.
Getarnt in Wehrmachtsuniform, bat Himmler hier drei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation zu einer „Stabskonferenz“ mit anderen Kriegsverbrechern. Der Inspekteur der Konzentrationslager, Richard Glücks, war dabei, ebenso Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss, Hans Bothmann, Kommandant des Vernichtungslagers Kulmhof/Chelmno und letzter Chef des Flensburger Grenzpolizeikommissariats der Gestapo sowie Curt von Gottberg, Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS. Hunderttausende unschuldiger Tote hatten die etwa 40 Verschworenen auf ihrem Gewissen, als sie am 5. Mai zum letzten Treffen mit Heinrich Himmler zusammentrafen. Und was machte der einst so gefürchtete SS-Reichsminister? „So wie Hitler nicht im ‚heldenhaften Kampf‘ für Deutschland gefallen war, wie es die Nazi-Propaganda weismachen wollte, sondern Selbstmord beging, so empfahl auch Himmler seinen Gefolgsleuten, sich vor den Alliierten aus dem Staub zu machen und mit neuen Uniformen als Angehörige der Wehrmacht unterzutauchen“, sagt Paul.
Diese Feigheit ging selbst dem Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, zu weit. Nach seiner Festnahme gab er im Februar 1947 bei Vernehmungen in Krakau über den letzten Appell mit Heinrich Himmler im Flensburger Polizeipräsidium am 5. Mai 1945 zu Protokoll: „Von Kämpfen war nicht mehr die Rede. Rette sich wer kann, war die Parole des Tages. Die letzte Meldung und Verabschiedung beim Reichsführer SS bleibt mir unvergesslich. Er strahlend und bester Laune – und dabei war die Welt untergegangen, unsere Welt. Wenn er gesagt hätte: So, meine Herrn, jetzt ist Schluss, Sie wissen, was sie zu tun haben – das hätte ich verstanden, das hätte dem entsprochen, was er jahrelang der SS gepredigt hatte. Selbsthingabe für die Idee. So aber gab er uns als letzten Befehl: Taucht unter in der Wehrmacht!“
Der NS-Staat entlarvte sich selbst. Die Schergen glaubten, sich aus der Verantwortung davonschleichen zu können. Laut Flensburger Nachrichten-Blatt, das unter britischer Militäraufsicht erschien, griff die britische Feldpolizei zwischen dem 8. und 21. Mai 2500 Gestapo-Männer und Nazianhänger auf, „die zu Unrecht eine Wehrmachtsuniform trugen“. Das Ausstellen gefälschter Pässe hatte im Flensburger Polizeigebäude und in der Mürwiker Marineschule Hochkonjunktur. Aus Massenmördern wurden Soldaten, die sich aus dem Staub zu machen versuchten.
Stephan Richter Lesen Sie morgen über die Flucht Himmlers durch Schleswig-Holstein.