Die letzte Ruhestätte: Auf dem „Friedenshügel“ liegen Täter und Opfer

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz im Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Kriegsende 19.5.
Im Tod sind alle gleich. Und der Name des Flensburger Friedhofs, auf dem der gefürchtete Generalleutnant der Waffen-SS und Inspekteur der Konzentrationslager, Richard Glücks, ebenso die letzte Ruhe gefunden hat wie einfache Soldaten, die noch in den letzten Kriegstagen von gnadenlosen Kriegsrichtern zum Tode verurteilt und hingerichtet worden sind, klingt versöhnlich. „Friedenshügel“ heißt der Ort mit gut zweihundert Steinkreuzen, deren Inschriften zu verwittern begonnen haben. Nur vor einem einzigen dieser Grabsteine ist 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein kleiner Blumenstrauß abgelegt worden. Die frischen Tulpen lassen neben den blauen, gelben und roten Stiefmütterchen, die zwischen den Steinkreuzen gepflanzt sind, bereits ihre Köpfe hängen.
„Schauen Sie auf das Todesjahr auf den Grabsteinen“, sagt Prof. Gerhard Paul. Da bekommt die Geschichte eine ganz andere Perspektive. Flensburg als Sitz der letzten Reichsregierung, die letzten Tage des Dritten Reiches: Das klingt spektakulär und nach großer Politik. Die Wahrheit war ernüchternder. Viele Soldaten starben in den Tagen vor und auch noch nach der Kapitulation am 8. Mai 1945. „Gewiss hat Großadmiral Dönitz mit seiner Hinhaltetaktik erreicht, dass noch viele Deutsche vor allem aus Ostpreußen in den Westen gebracht werden konnten. Allerdings hatte die Rückholaktion der Soldaten und Flüchtlinge eine Kehrseite. Es wird vergessen, dass an jedem Tag, den der Krieg länger dauerte, mindestens 10 000 Soldaten das Leben lassen mussten“, sagt der Historiker.
So liegen jetzt auf dem Friedenshügel Soldaten, die in den letzten Kriegstagen gefallen oder in den vollen Flensburger Lazaretten an ihren Verwundungen gestorben sind. Der Kanonier Albrecht Ehrhard zum Beispiel. Auf seinem Grabstein ist das Geburtsdatum 3.6.1927 eingemeißelt. Gestorben ist er zwei Wochen vor seinem 18. Geburtstag am 17.5.1945. Die bedingungslose Kapitulation war zu diesem Zeitpunkt bereits seit neun Tagen unterschrieben. Wer nicht gefallen oder im Lazarett verstorben war, hat Selbstmord begangen, wie der Waffen-SS-General Glücks oder Hitlers Reichserziehungsminister Bernhard Rust. Auch ihn hatte es Ende April in die „Enklave Flensburg“ verschlagen. Als er offenbar erkannte, dass auch die Auflösung dieses letzten Rückzugsortes des „Dritten Reiches“ durch die Alliierten nur noch eine Frage der Zeit war, versuchte er, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Er wurde gerettet und in die Psychiatrie nach Schleswig eingeliefert. Dort flüchtete er aus der Anstalt und erschoss sich mit einer Pistole. Rust wurde auf dem Friedhof in Neuberend beigesetzt.
Auf dem Friedenshügel ruhen auch 95 Zwangsarbeiter und 99 polnische Säuglinge und Waisenkinder, die in den Kriegswirren starben. „Sie waren zum Teil so klein, dass sie noch nicht einmal ihren Namen sagen konnten“, sagt Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar. Auch 109 sowjetische Kriegsgefangene sind hier bestattet. Einige waren am Kriegsende in Fußmärschen aus Konzentrationslagern nach Flensburg getrieben worden.
„In Flensburg und der damaligen ‚Enklave Mürwik‘ lässt sich der Zusammenbruch der NS-Diktatur wie unter einem Brennglas beobachten. Kriegsverbrecher und KZ-Häftlinge, Angehörige der Wehrmacht und Flüchtlinge, britische Besatzungssoldaten und Reichsminister fanden hier zusammen“, sagt Prof. Paul. Unter jenen, die in der NS-Zeit Terror verbreitet hatten, wählten im Angesicht des Untergangs viele den Tod. Während wir auf dem Flensburger „Friedenshügel“ stehen und über das Gräberfeld schauen, zieht der Historiker Bilanz: 8 von 41 Gauleitern und zehn Prozent aller 53 Wehrmachtsgeneräle begingen Selbstmord. Viele von ihnen in und rund um Flensburg. Curt von Gottberg, Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS und berüchtigter SS- und Polizeiführer Russland-Mitte, nahm sich am 31. Mai 1945 in britischer Gefangenschaft in Lutzhöft (Kreis Schleswig-Flensburg) das Leben, der Flensburger Gestapo-Chef Hans Bothmann erhängte sich am 4. April 1946 in britischer Haft in Heide.
Stephan Richter Lesen Sie morgen,
wie die Geltinger Bucht am
Kriegsende zum Schiffsfriedhof wurde.