Der einsame Sohn der jüdischen Schneiderfamilie

Neue Serie über die Rendsburger Opfer des Nationalsozialismus
sh:z 28. Januar 2015
Serie 28.1.15
Die Steine mit den Messingplatten sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen, einige Daten und Orte in die Oberfläche. So steht in bewusst dürren Worten ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in Rendsburgs Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren diese Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie der Landeszeitung „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute steht Fritz Ring im Mittelpunkt.
Rendsburg
Das Foto von dem ersten Schultag ist erhalten geblieben: Stolz trägt der Siebenjährige den neuen Ranzen auf dem Rücken. Die Mutter hat ihr Kind nach der aktuellen Mode in einen Matrosenanzug mit passender Mütze gekleidet. Die Aufnahme von 1928 ist ein typisches Zeugnis der Zeit: Nichts unterscheidet die Aufnahme für das Familienalbum mit dem jüdischen Jungen Fritz Ring von den Bildern seiner Klassenkameraden.
Das Ende der Schulzeit erlebte Fritz schon nicht mehr unbelastet. Der Ernst des Lebens hatte durch den Nationalsozialismus bedrohliche Ausmaße angenommen. Der Junge, der nach der Altstädter Schule die Christian-Timm-Schule besuchte, war zum Außenseiter geworden. Er legte 1938 die mittlere Reife mit der Note gut ab. Doch zur Abschlussfeier wurde der 17-Jährige nicht eingeladen. „Sie sagten mir, sie werden mir das Zeugnis zuschicken“, berichtete Fritz Ring später. Seine Anwesenheit sei nicht notwendig. „Bei der Feier haben sie mich wahrscheinlich nicht gewollt.“
Fritz wurde am 12. September 1921 geboren. Sein Vater Max Ring stammte aus Polen. Mit seiner Frau Paula aus Breslau, einer Putzmacherin, führte der Schneider ein Geschäft in der Torstraße. Die Familie gehörte zur jüdischen Gemeinde von Rendsburg und lebte religiös. In dem Haus der Schneiderei befand sich auch die Wohnung der Rings. „Und da war ein Keller für Kartoffeln, und meine Mutter hat saure Gurken eingestellt in grünen, großen Töpfen, und da habe ich auch gespielt. Ich habe überall gespielt.“
Meistens vertrieb sich der Junge aus der Torstraße ohne Freunde die Zeit. Vor allem nach 1933 gab es für Fritz keine Spielkameraden mehr. „Ich war ganz einsam,“ verriet er in der Fernsehsendung „Cäsar, Cäsar“ von Eva Hoffmann. „Mit mir hat keiner gespielt.“ Zwar waren die anderen Kinder offenbar bereit, sich mit dem jüdischen Schneidersohn zu treffen. „Aber ihre Eltern haben das nicht zugelassen. Die hatten Angst vor Nachteilen.“
Auch in der Synagoge hatte der ausgegrenzte Junge mitbekommen, dass die Lage sich zuspitzte. Im Sommer 1933 war der Oberrabbiner Dr. Carlebach erschienen, um die neue Situation zu erläutern. „Das hat mich dann überzeugt, dass da was Wichtiges los ist, dass die Situation ganz ernst ist. Da habe ich ein bisschen Angst bekommen. Meine Mutter hat geweint, die anderen Frauen haben geweint, und ich glaub, der Rabbiner hat auch ein bisschen geweint.“
Ein Jahr später, 1934, feierte Fritz seine Bar Mizwa, seine religiöse Volljährigkeit. Den Unterricht hatte er von Dr. Benjamin Cohen aus Friedrichstadt erhalten, der einmal pro Woche nach Rendsburg kam. Der Rabbiner bereitete den 13-Jährigen ein Jahr lang auf den Tag vor. „Ich habe in der Synagoge den Abschnitt der Woche gelesen.“ Die Eltern schenkten ihm eine Armbanduhr. Das Präsent war eine Überraschung. Denn die jahrelangen Aufrufe der Nazis, nicht mehr bei Juden zu kaufen hatten Wirkung gezeigt. „Wir waren schon verarmt durch den Boykott.“
Die Sorgen stiegen weiter mit dem Schulabschluss. 1938 gab es für einen jüdischen Jungen in Rendsburg keine Lehrstelle mehr. Daher mussten die Eltern ihr Kind nach Berlin schicken. Fritz besuchte dort die Gewerbeschule einer jüdischen Hilfsorganisation. Sein Vater schrieb am 5. Mai 1938 an seinen Vetter in den USA: „Ich habe dafür gesorgt, dass unser Sohn Fritz eine Lehre beginnen kann, aber nicht in Rendsburg, sondern in Berlin, der größten Stadt Deutschlands. Er ist seit dem 1. April in der Lehre als Elektrotechniker. Hoffentlich wird er ein guter Fachmann werden. Der Antisemitismus ist sehr groß.“
Im Dezember 1938 erhielt Fritz in Berlin ein Telegramm aus Rendsburg mit der Nachricht seiner Eltern, dass er umgehend nach England ausreisen müsse. Britische Juden, Christen und Quäker ermöglichten nach dem November-Pogrom jüdische Kindertransporte nach England. Am 14. Dezember fuhr der 17-Jährige über Holland nach England in die Freiheit. Seine Eltern sah er nie wieder. Erst nach dem Krieg erfuhr der Sohn, dass Mutter und Vater bis zum Frühsommer 1939 Rendsburg verlassen mussten, nach Brüssel geflohen waren und dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.
Der Überlebende des Holocaust diente in England bis 1945 in der britischen Armee. 1947 wanderte Fritz Ring in die USA aus, wo er heute noch lebt. Nach Rendsburg kehrte er Ende der 80-er Jahre noch zwei Mal als Besucher zurück. Fritz Ring, der seine Geburtsstadt 50 Jahre nicht gesehen hatte, traf auf Stätten seiner einsamen Kindheit und stellte überrascht fest: „Die Stadt sieht noch ähnlich aus.“