Das Schicksal Asmus Jepsens: Die NS-Militärjustiz, die kein Ende kannte

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Kriegsende 15.5.
Eine unscheinbare Sackgasse, die an einem Waldesrand endet und von gepflegten kleinen Einfamilienhäusern umsäumt ist, trägt seit 1997 den Namen „Asmus-Jepsen-Weg“. „Dort, am Ende der Straße, lag der Marineschießstand Mürwik“, zeigt Prof. Gerhard Paul auf einen Hügel. Das schmucklose Straßenschild mit dem kleinen Hinweis „Flensburger Opfer der NS-Marinejustiz, hingerichtet auf dem Schießplatz Twedter Feld“ erinnert an ein trostloses Kapitel am Ende des Krieges.
Asmus Jepsens Tochter hat bis heute vor Augen, wie eine bewaffnete Streife den Vater am 5. Mai 1945 im Notquartier in Neukirchen in Angeln abgeholt hat. Sie war damals noch ein kleines Mädchen. Nur einen Tag später wurde der Kapitänleutnant um 20.30 Uhr von einem Exekutionskommando erschossen, Opfer einer blutigen, gnadenlosen NS-Militärjustiz, die kein Ende kannte.
Während in der Idylle der Wohnsiedlung im Osten der Stadt Flensburg Hausbesitzer die Gärten fein machen, kommt Prof. Gerhard Paul die Zornesröte ins Gesicht. „Jahrelang mussten sich die Nachfahren der Soldaten, die in den letzten Tagen der Reichsregierung Dönitz hingerichtet wurden, um Entschädigung und Rehabilitierung bemühen, während die NS-Kriegsrichter nach dem Kriege ihre Karrieren fortsetzten und es wie der Marinekriegsrichter Bernhard Lewerenz bis zum schleswig-holsteinischen Justizminister brachten“, sagt der Historiker. Der Zweite Weltkrieg war verloren, aber das Blutvergießen ging weiter. Im Falle Asmus Jepsen lehnte Großadmiral Dönitz einen Gnadenerweis „aus Gründen der Manneszucht in dieser schwer belastenden Zeit“ ab.
Nein, auf dem einstigen Marineschießplatz Twedter Feld, wo heute Kinder spielen, hat Asmus Jepsen nicht seine letzte Ruhe gefunden. Zwar verscharrten ihn dort gleich nach seiner Hinrichtung die Soldaten. Doch Angehörige gruben ihn noch in derselben Nacht aus und überführten den Leichnam auf den Friedhof in Adelby, wo er am 8. Mai 1945 beigesetzt wurde. Die Kapitulation trat in Kraft, doch noch bis zum 15. Mai bestätigte das in Meierwik ansässige Oberkommando der Kriegsmarine Todesurteile und ordnete deren Vollstreckung an. Erst danach schritt die britische Besatzungsmacht ein und verbot entsprechende Strafen.
Kapitänleutnant Asmus Jepsen war Leiter des „Kommandos Auerhahn“, des Befehlssonderzuges des Oberkommandos der Kriegsmarine. Nachdem sich Großadmiral Dönitz am 2. Mai entschloss, sein Quartier in Plön aufzugeben und in Flensburg den Sitz der Reichsregierung einzurichten, sollte der 43-jährige Jepsen mit dem Sonderzug, in dem sich neben Lebensmitteln auch Stahlschränke mit Dokumenten befanden, nachkommen.
Doch die Lokomotive mit ihren Waggons kam wegen britischer Luftangriffe nur bis nach Sörup. Der Zug traf am 4. Mai 1945 ein; der Bahnhof war mit Flüchtlingen überfüllt. Als diese verzweifelt versuchten, den Zug zu plündern, gab Jepsen die Lebensmittel in Absprache mit dem örtlichen Bürgermeister frei, da er kein Durchkommen nach Flensburg mehr sah. Die geheimen Unterlagen wurden verbrannt. Danach händigte er den Soldaten ihre Papiere aus und machte sich auf den Weg zu seiner Familie, die im nahegelegenen Neukirchen untergekommen war. Um jedem Verdacht der Fahnenflucht zu begegnen, meldete sich Jepsen am nächsten Morgen beim Bürgermeister der Gemeinde an. Doch wenige Stunden später wurde er verhaftet und noch am selben Tage von einem Standgericht „wegen Fahnenflucht im Felde und in Tateinheit mit Dienstpflichtverletzungen“ zum Tode verurteilt.
Das Schicksal von Asmus Jepsen macht den Historiker Paul auch deshalb so wütend, weil die Begründung von Hitler-Nachfolger Dönitz, er habe mit einem harten und gnadenlosen Verhalten nur so viele Flüchtlinge wie möglich aus dem Osten retten wollen, spätestens hier in sich zusammenbreche und absurd werde. Mindestens 50 000 deutsche Soldaten seien im Krieg wegen angeblicher Fahnenflucht verurteilt und mehr als 20 000 von ihnen von eigenen Kameraden hingerichtet worden.
Doch in Wahrheit habe es sie wie im Fall von Asmus Jepsen selten gegeben, sondern die Mächtigen hätten nur die Angst gehabt vor Deserteuren. „Das Unrecht schreit zum Himmel“, sagt Paul und berichtet, dass den Opfern von Hinrichtungen nicht etwa die Augen verbunden wurden, um ihnen das Ende ein wenig zu erleichtern. „Nein, man wollte den Erschießungskommandos den Blick in die Augen der Kameraden ersparen – vielleicht auch, weil man um deren Unschuld wusste“, sagt der Historiker. Im Übrigen gebe es keinen einzigen Fall, in dem ein Soldat bestraft worden sei, wenn er sich weigerte, an Erschießungen teilzunehmen. Doch wenige sagten Nein.
Der Krieg war aus, die Hinrichtungen gingen weiter. Während sich die Reichsregierung in der „Enklave Mürwik“ mit dem Erstellen juristischer Gutachten zur Rechtmäßigkeit der eigenen Regierung, mit Grußformeln und mit einer neuen Staatsflagge befasste, schrieb Asmus Jepsen an seine Frau und seine Kinder einen Abschiedsbrief.
Darin heißt es: „Doch handelte ich in redlichster Absicht und glaubte auch, es nach der Lage der Dinge so machen zu müssen. Für alle Liebe danke ich Dir. Du, die Kinder und mein Vaterland waren es, für die ich stets kämpfte, damit wir alle in einem schönen Vaterland leben konnten. Leider ist es anders geworden. Deutschland wird nichts mehr bedeuten und Ihr werdet nichts als Not und Sorgen kennen! So grüße ich Euch alle zum letzten Male, Dein Asmus und Euer Papa.“ Stephan Richter Lesen Sie morgen, wie eine Flotte
weißer Busse KZ-Häftlinge nach
Skandinavien bringt.