Befehlsverweigerung von oben: U-Boote und Kriegsschiffe versinken in der Ostsee

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz im Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Kriegsende 20.5.

Auch in diesem Jahr haben Winterstürme wieder an der Steilküste der Geltinger Bucht genagt. Während sich Prof. Gerhard Paul an den Abhang heranpirscht, kommt über die kleine Wiese ein Mann heran. So oft tauchen hier, an der äußersten Spitze der Bucht zwischen Habernis und Norgaardholz nicht Menschen auf. Als er von dem Besuch der Erinnerungsorte erfährt, fängt er an zu erzählen. Dort drüben stehe sein Elternhaus. Fünf Jahre alt sei er gewesen, als er am 5. Mai frühmorgens durch laute Detonationen förmlich aus dem Bett gerissen worden sei. „Das ganze Haus hat gewackelt“, sagt der Zeitzeuge. Die Sonne sei gerade aufgegangen, und als er die wenigen Meter zur Steilküste lief, habe er gesehen, wie die vielen Schiffe und U-Boote langsam in der Ostsee versanken. „Es war ein unglaubliches Schauspiel. Rümpfe bäumten sich noch einmal auf, bevor sie in die Tiefe glitten. Aber nicht alle versanken völlig in den Fluten. Von einigen Schiffen ragten noch die Masten oder von U-Booten die Türme aus dem Wasser, als der Spuk zu Ende war“, erzählt Helmut Husfeld. Später hätten Landwirte noch den Treibstoff aus den in flacheren Gewässern versenkten U-Booten gepumpt und damit ihre Trecker mit Sprit versorgt.
Der Historiker Paul schaut auf die Bucht. Die See ist ruhig. Im Sommer segelt Paul hier auf seiner „Bandholm“. „Wer heute diese friedliche Bucht sieht, kann sich kaum vorstellen, wie viele Kriegsschiffe und U-Boote hier am Kriegsende zusammengekommen waren und wie hier sogar noch am 10. Mai Matrosen durch Urteile gnadenloser Marinerichter hingerichtet wurden“, sagt er. Zwei Zerstörer, drei Schnellboot-Begleitschiffe, 50 Schnellboote, der Verwundetentransporter „Walter Rau“, Torpedo-Fangboote, mehrere Minensucher, umgebaute „Kriegs-Fischkutter“ und über 50 U-Boote haben sich vor der Küste versammelt. Die Besatzungen wussten, dass der Krieg zu Ende ist und warteten auf die Auslösung des Befehls „Regenbogen“. „Die Marineführung hatte den Vorwurf von der ‚Schande von 1918‘ in den Knochen. Die Propaganda behauptete, dass der Erste Weltkrieg nicht militärisch verloren wurde, sondern weil Sozialdemokraten und die unzuverlässige Marine dem Heer in den Rücken gefallen sei“, schildert der Professor. Nach dieser „Dolchstoßlegende“ habe Hitler die Direktive ausgegeben, „dass kein Soldat der Wehrmacht jemals vor dem Feind kapitulieren dürfe“.
Auch Hitler-Nachfolger Dönitz, der über eine Vermittlungsstelle in der Marineschule Mürwik Kontakt zur Flotte hielt, wollte die Kriegsschiffe und U-Boote zunächst nicht in die Hände der Siegermächte fallen lassen. Also machte sich ein Teil der Flotte zur letzten Fahrt in die Geltinger Bucht auf. „Nachdem die Schiffe und U-Boote vor Anker lagen, brachten die Besatzungen die Lebensmittel von Bord und verteilten sie an die Bevölkerung“, erinnert sich Husfeld. In jedem Haus in der Gegend gebe es bis heute irgendwelche Gegenstände, die aus den Schiffen stammten. Ein Bild des Fotografen Walter Schöppe, der die Operation heimlich fotografierte und die Filme danach lange Zeit unter den Dielenbrettern seiner Wohnung versteckte, zeigt, wie Lebensmittel und Material am Strand auf Fuhrwerke geladen und in die umliegenden Dörfer gebracht wurden. Jungen schauten fasziniert dem Schauspiel zu. „Ja, ja“, lacht Prof. Paul, „viele Frauen der Gegend hatten nach 1945 blau-weiß karierte Kleider an. Sie waren aus den Bettbezügen geschneidert worden, in denen die Soldaten an Bord schliefen.“ Auch Helmut Husfeld kann sich an die sogenannten „Dönitz-Kleider“ erinnern.
Während die Besatzungen ihre einsatzbereiten Schiffe für die Sprengungen vorbereiteten, widerrief Großadmiral Dönitz am 4. Mai 1945 seinen Befehl vom 30. April und ordnete an, dass alle Schiffe unzerstört zu übergeben seien. „Das entsprach den Bedingungen der Teilkapitulation vom 5. Mai“, sagt Paul, „danach waren Waffenvernichtungen, Schiffsversenkungen oder -beschädigungen verboten.“
Die Sprengungen begannen trotzdem, und Kommandanten zeigten sich später erleichtert, dass ihnen „durch die Selbstversenkung erspart geblieben ist, unsere Boote dem siegreichen Gegner übergeben zu müssen.“ Wer den „Regenbogen“-Befehl ausgelöst und wie er letztlich zu den Kommandanten gelangt ist, bleibt ein Geheimnis. „Es war, wenn man es genau nimmt, die größte Befehlsverweigerung der deutschen Wehrmacht“, sagt Paul.
In der Norgaardholzer Schulchronik ist die Selbstversenkung der Kriegsschiffe und U-Boote, die ab 1948 gehoben wurden und viele Schaulustige an die Ufer der Geltinger Bucht lockten, umfangreich festgehalten. Darin ist auch von einem Maat die Rede, der sich weigerte, vor der Sprengung das U-Boot zu verlassen. Weiter heißt es: „Er hatte alles verloren, sein Haus, seine 1. u. 2. Frau, seine Kinder, Eltern und Schwiegereltern und erwartete nichts mehr vom Leben. Als das Boot in die Tiefe ging, grüßte er noch einmal vom Turm aus seine Kameraden, mit der wehenden Fahne in der Hand.“ Stephan Richter Lesen Sie morgen, wie eine britische Fahndungsgruppe den Auschwitzer KZ-Kommandanten Rudolf Höß ausfindig machte.