880 Tage Angst im Versteck der Gartenlaube

LZ-Serie über die Rendsburger Opfer im Nationalsozialismus
sh:z Serie 10. Februar 2015
Serie RD 10.2.15
Die Steine sind klein, nur zehn mal zehn Zentimeter. Der Künstler Gunter Demnig hämmert unter der stets gleichen Überschrift „Hier wohnte“ einen Namen und einige Daten in die Messing-Oberfläche. So wird ein Menschenleben umrissen, das fast immer in einem Lager der Nazis endete. Die „Stolpersteine“ in den Gehwegen sollen an die Opfer der NS-Diktatur erinnern. Wer waren die Menschen, die einmal zum Rendsburger Leben dazugehörten, ehe sie „verschwanden“? Die Serie „Steine gegen das Vergessen“ stellt ihre Lebensgeschichten vor. Heute steht Wally Gortatowski im Mittelpunkt.
Rendsburg
Das Mädchen verzieht keine Miene. Der Blick wirkt keck, abwartend. Die Fünfjährige hält beschützend ein Hündchen auf ihrem Schoß fest. Sie sitzt auf einem Stühlchen. Die stämmigen Beine in weißen Strümpfen stehen sicher auf dem Boden. Das Kind heißt Wally Gortatowski. Die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Rendsburg wird im Jahr e 1915 im Atelier für das Familienalbum fotografiert.
Geboren wurde Wally Aurelia Gortatowski am 24. Juli 1910 in Rendsburg. Sie sei ein liebes, entzückend gekleidetes Kind gewesen, schüchtern und verwöhnt, heißt es in den Erinnerungen von Zeitzeugen. Das Mädchen war, wie ihre Freundinnen bekundeten, ein „feiner Kumpel“. Das Nesthäkchen der Familie wurde Baby genannt. Wally besuchte zunächst eine Privatschule, später dann das Lyzeum für Mädchen. Sie hatte zwei Brüder: Herbert und Walter. Ihre Eltern besaßen ein Textilgeschäft in der Hohen Straße. Als das Geschäft ab 1933 seinen Niedergang erlebte, hatte Wally zuletzt als Verkäuferin ausgeholfen, weil die nicht-jüdischen Angestellten entlassen werden mussten.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste das Geschäft 1936 geschlossen werden. Die Eltern waren bereits gestorben. Einer Liste des Ordnungsamtes Rendsburg über die Zu- und Abgänge jüdischer Bürger ist zu entnehmen, dass Wally am 19. Oktober 1938 nach Itzehoe verzogen war. Dort lebte sie eine Zeitlang bei ihrer Tante Erna Gortatowski und der Cousine Ilse. Nach Kriegsausbruch zog sie mit ihnen im September 1939 nach Berlin. Dort lebten zahlreiche Verwandte.
Die Gortatowskis aus Rendsburg und Itzehoe trafen sich regelmäßig sonntags in der Bozener Straße. Auch Erich Mahrt nahm an diesen Familientreffen teil. Der Rendsburger Elektrotechniker hatte sich schon 1935/36 mit Walter Gortatowski angefreundet und auch Wally kennengelernt. Der Kommunist war zur Arbeit in der Rüstungsindustrie in Berlin abkommandiert worden, nachdem es ihm gelungen war, als kriegsuntauglich eingestuft zu werden. Der immer schon sehr hagere Mann hatte vor der Musterung Seife gegessen.
In Berlin plante Erich Mahrt ein Versteck für Wally, die er wegen der Nürnberger Gesetze nicht heiraten konnte. In der Laubenkolonie „Gemütlicher Hase“ in Berlin-Hohenschönhausen mietete er ein Gartenhäuschen. Daneben war eine Art Obstkeller gegraben, der als Versteck und Luftschutzbunker genutzt werden konnte. Seine Freundin Wally musste in Berlin Zwangsarbeit leisten. Sie war bei Siemens & Halske in Charlottenburg zwangsverpflichtet. In der Lietzenburger Straße bewohnte die Rendsburgerin ein Zimmer mit eigenen Möbeln. Am 1. Dezember 1942 wurde sie von einem Vetter vor ihrer unmittelbar bevorstehenden Deportation gewarnt. Noch in derselben Nacht brachte Erich Mahrt Wally in die Gartenlaube.
In dem Versteck lebte die junge Frau mit ihrem Freund illegal bis Mai 1945. Erich ernährte sie mit seinen Lebensmittelrationen. Tagsüber, wenn er arbeitete, hielt sich Wally, besonders angsterfüllt, meist in dem Erdbunker auf. Dieser Einsatz für eine illegal lebende Jüdin hätte Erich das Leben kosten können, wenn er verraten worden wäre. Die Vermieterin der Laube wusste Beschied. Trotz Bedenken denunzierte sie die beiden nicht. Zwei Pistolen zur Verteidigung lagen in dem Versteck für alle Fälle bereit. Wally vertrieb sich die Zeit mit Büchern. In der unmittelbaren Nachbarschaft der Laube wohnten Nazis, und Wally konnte nur in der Nacht frische Luft schöpfen.
„Ohne eigene Mittel, ohne Ausweispapiere und Lebensmittelkarten war ich für die Öffentlichkeit wie für die Behörden gestorben“, schrieb sie später in einem Antrag auf Entschädigung. „880 Tage lebte ich unter diesen Verhältnissen.“
Nach Kriegsende heirateten Wally Gortatowski und Erich Mahrt. Mit ihrem Sohn, der Ende 1946 in Berlin geboren worden war, wanderten sie 1949 nach Argentinien aus, wo Bruder Herbert lebte. Dort baute Erich für die kleine Familie mit äußerstem Einsatz als Elektrotechniker eine Existenz auf. So richtig heimisch waren sie dort dennoch nie geworden. 1976, als die Eheleute das Rentenalter erreicht hatten, zog es sie zurück nach Rendsburg. Ausschlaggebend dabei dürften die Freundschaften mit einigen Rendsburger Familien gewesen sein, die zum Teil während des Krieges andauerten, später wieder aufgenommen und auch über die Entfernung Rendsburg – Buenos Aires hinweg gepflegt wurden. Viele Kontakte hatten die beiden nicht, aber die wenigen Freundschaften waren sehr eng. Allerdings kamen nach der Rückkehr keine neuen Freunde hinzu. Noch herrschte die Verdrängung der Nazizeit auch in Rendsburg. Auf ein Begrüßungszeichen, etwa durch Vertreter der Stadt, wie es heute selbstverständlich wäre, wartete das Paar vergebens.
Wally Mahrt ging es sehr schlecht. Seit 1936/37 hatte sie in ständiger Angst gelebt, die durch die Jahre im Versteck erheblich verstärkt wurde. Die Folgen der Nazi-Verfolgung waren schwere seelische und körperliche Gesundheitsschäden. Diese Tatsache ist übrigens im Zuge des Entschädigungsverfahrens nie anerkannt worden. Sie hatte überlebt – aber ihr Leben war zerstört. Am 7. Oktober 1979 beging Wally Selbstmord. Im Abschiedsbrief bedankte sie sich bei ihrem Ehemann für alles, was er für sie getan habe – aber weiterleben könne sie jetzt nicht mehr.
Erich Mahrt starb 1988 mit 78 Jahren.